Sonntagabend, 18.35 Uhr. Franz Müntefering kündigt Neuwahlen für den Herbst an. Peter Rühmkorf sinkt noch tiefer in seinen Sessel vor dem Fernseher, selbst das Kissen in seinem Rücken kann ihm keinen Halt mehr geben. "Das ist ein Knall", sagt er und nippt am Rotwein, Stonewood Ruby Cabernet, von Aldi. Vor dem Fenster der Dichterwohnung in Hamburg-Övelgönne ziehen gemächlich die großen Pötte über die Elbe, hauptsächlich schwarze, ein roter liegt festgemacht am Ufer gegenüber. "Bleib erschütterbar und widersteh" lautet einer von Rühmkorfs bekanntesten Versen; nun ist der Lyriker von Hochrechnung zu Hochrechnung schweigsamer geworden. Laue Mailuft weht durchs Fenster, dennoch zieht er eine Weste über das rote Hemd.

DIE ZEIT: Herr Rühmkorf, haben Sie Angst vor einer schwarzen Republik?

Peter Rühmkorf: Das ist für mich kein Weltuntergang. Die Prügel kriegt immer die Partei vom Dienst. Die Wähler laufen blindlings, lemminghaft, auf die andere Partei zu und glauben, die würden das schon schaffen. Ich halte diesen Wechsel für einen ungedeckten Scheck. Ich gucke mir die Personen an, um zu sehen, ob der Scheck gedeckt ist.

ZEIT: Ist das Land reif für eine Kanzlerin aus dem Osten?

Rühmkorf: Kommt drauf an, ob die Kanzlerin reif ist. Ich kann das überhaupt nicht sagen. Ich will Angela ja nichts Böses, aber wenn ich diesen nach unten gebogenen Winkelhaken von Mund betrachte, dann sehe ich zu viel Anstrengung. Damit darf man nicht in den Job gehen.

ZEIT: Wenn Sie an den Herbst und vorgezogene Neuwahlen denken – sind Sie furchtsam?

Rühmkorf: Egal ist es mir natürlich nicht. Es kommt sehr überraschend. Nach dem ersten dreimaligen Runterschlucken scheint es mir erklärlich, dass dieser Schritt gemacht werden muss. In der SPD kommt jetzt jedenfalls ein Umdenkungsprozess in Gang, ob man dem Kapital hätte so weit entgegenkommen müssen. Schröders Schritt, Kapital und Arbeit zu versöhnen, ist misslungen. Weil ihm das Kapital sein Entgegenkommen nicht vergolten hat.