Gut 40000 Frauen in Deutschland sind jedes Jahr mit einem Satz konfrontiert, der ihr Leben von heute auf morgen tiefgreifend verändert: "Sie haben Brustkrebs." Jede dieser Frauen sollte sich in dieser Situation, da nichts mehr ist, wie es vorher war, sofort ein Buch besorgen (oder schenken lassen): Überleben Glücksache von Sibylle Herbert. Auch wenn oder gerade weil Kopf und Herz voller Panik sind: Dieses Buch ist ein Muss. Es dauert nicht lange, es zu lesen – in knapp zwei Tagen hat man es durch – und es ist auch nicht anstrengend. Die Rheinländerin Sibylle Herbert schreibt, wie sie spricht: unverblümt, klar, schnörkellos. Und immer mit einem Schuss Humor und Ironie, die ihr auch in verzweifelten Situationen nie ganz abhanden kommen. Der Wert dieses Buches liegt vor allem darin, dass es aus der Erstarrung befreit, in die viele Frauen nach der Diagnose fallen. Es klärt auf, es mobilisiert, es ermutigt. Ganz unprätentiös und fern der Betroffenheitsromantik, mit der nicht wenige Ratgeber auf diesem Sektor gesegnet sind.

Eine befreundete Ärztin hilft weiter als tausend Versicherungen

Die Autorin, Rundfunkjournalistin mit Schwerpunkt Sozialpolitik beim WDR in Köln, schildert in tagebuchähnlichen Spots, wie es ihr ergangen ist, von der Diagnose im Frühjahr 2003 bis zum vorläufigen Ende der Therapie ein Jahr später. Was sie beschreibt, ist deutsche Patienten-Wirklichkeit: Zu verarbeiten ist nicht nur die Diagnose mit den vielschichtigen Ängsten, die sie heraufbeschwört. Alles, was nun organisatorisch zu bewältigen ist, lastet auf der Patientin: zusätzliche Untersuchungen, Termine beim Arzt, in der Klinik, für eine zweite Meinung. Vor allem aber muss sie Entscheidungen treffen, für die ihr jede Grundlage fehlt: in welchem Krankenhaus, von wem und wie sie operiert und weiterbehandelt werden will.

Ob sie – wenn die Brust abgenommen werden muss – einen Brustaufbau aus Silikon-Polstern, einem Latissimuslappen (Rückenmuskel) oder aus Eigengewebe vom Bauch wünscht. Oder gar keine Rekonstruktion der Brust. Ob sie eine neoadjuvante (vor der Operation) oder eine adjuvante (nach der Operation) Chemo- oder Hormontherapie machen will. Und so weiter.

"Mir wird schwindelig von all den Informationen", schreibt Sibylle Herbert, "ich fühle mich völlig überfordert. Die Basis jeder Entscheidung ist Wissen. Und ich weiß nichts. (…) Ich muss Entscheidungen treffen. Ich weiß nicht mehr, wie das geht." Aber die Entscheidungen auf andere abschieben, das geht auch nicht. Denn: "Weiß der Arzt immer, was das Beste für die Patientin ist? Darf er entscheiden, was ich wissen darf, verkraften kann? Wie will er das entscheiden, wenn er mich bis jetzt erst rund 60 Minuten kennt?"

Sie löst das Problem auf ihre Weise: eine ihrer Freundinnen, Andrea, ist Ärztin. Diese begleitet sie auf allen Wegen. Stellt Fragen, die Sibylle Herbert in ihrem Schock nicht stellen kann, erklärt, was Ärzte nicht erklären, recherchiert im Internet, wägt ab, kommentiert, lotst durch den Dschungel der Therapiemöglichkeiten. Vor allem aber lässt sie ihre Beziehungen spielen, wenn es darum geht, schnell Termine zu bekommen. "Ärzte im Bekanntenkreis sind mehr wert als tausend Versicherungen", meint Sibylle Herbert.

Denn in der Zweiklassenmedizin unseres Gesundheitswesens funktioniert nichts auf normalen Wegen. Termin für eine Kernspintomografie? Für Kassenpatientinnen erst in sechs Wochen. Termin für eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, Voraussetzung für den Beginn der Chemotherapie? Bedaure, für Kassenpatientinnen frühestens in acht Wochen. Termin in der Sprechstunde beim gynäkologischen Onkologen der Uni-Klinik? Erste Frage: "Wie sind Sie versichert?" Privat Versicherte kommen gleich dran, Kassenpatientinnen später. Freundin Andrea umschifft diese Klippen mit Hilfe ihrer Beziehungen zu anderen ärztlichen Kollegen. Nur: Was machen Frauen, die keine Andrea haben?

Sibylle Herbert erzählt aber nicht nur den mühsamen Hürdenlauf einer Brustkrebspatientin durch die verschiedenen Institutionen des Medizinbetriebs. Sie macht transparent, dass auch Ärzte mit den Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen, alles andere als glücklich sind. Parallel zu ihren eigenen Tagebuch-Notizen flicht sie die Sicht der insgesamt rund 20 Ärzte und Therapeuten ein, mit denen sie zu tun hatte, authentisch und unkommentiert. Ein genialer Dreh! Denn auf diese Weise können die häufig überstrapazierten Gegensätze – hie der "gute" Patient, dort der "böse" Arzt – gar nicht erst entstehen. Vielmehr wächst das Verständnis auch für die andere Seite. Und die Wut auf die herrschenden Zustände.

Die Mediziner sind überfordert. Ihre Ideale bleiben auf der Strecke

So schreibt eine Ärztin aus der Chemo-Ambulanz: "Als junger Mediziner wird man in den Kliniken verheizt. Es gibt immer mehr Patienten pro Arzt, die Liegezeiten werden immer kürzer, die Verwaltungsaufgaben immer umfangreicher. Es wird verlangt, verlangt, verlangt. Man wird selten positiv unterstützt, gelobt, gefördert, ständig herrscht nur Druck, Druck, Druck. (…) Man studiert Medizin und fragt sich immer wieder, wie man später mit den Patienten reden soll. (…) Es wurde immer gesagt: ›Das lernt man dann schon, wenn es so weit ist.‹ Ich hatte dennoch große Angst davor."

Oder ein Internist berichtet: "Die Verdichtung der Arbeit hat einen Grad erreicht, wo eine Steigerung kaum noch möglich ist. (…) Die Ideale, mit denen ich an das Studium herangegangen bin, die habe ich nicht mehr. Sie sind auf der Strecke geblieben, durch die vielen Vorschriften und die Bürokratie." Und die ärztliche Begleiterin Andrea registriert erstaunt: "Je tiefer wir in die Materie eindrangen, desto mehr wurde mir bewusst: Medizin ist keine Wissenschaft. Medizin ist eine Erfahrungsheilkunde. (…) Diese Studien, diese vielen Statistiken sagen über den einzelnen Menschen nichts aus. Krebs ist ein individuelles Schicksal."

Und das Überleben bei Brustkrebs tatsächlich Glücksache. "Frauen müssen das Glück haben, an den richtigen Arzt zu geraten, der etwas von seinem Fach versteht. Das gilt nicht nur für die Nachsorge, sondern auch für die Diagnose, Therapie und Operation", sagt Mathias Warm, Herberts behandelnder Arzt. Denn auf ärztliches Wissen und Können ist heute offenbar kaum noch Verlass. "Jede Frau sollte sich Zeit nehmen, sich sachkundig machen und überprüfen: Stimmt das, was dieser Arzt mir erzählt? Einen anderen Weg sehe ich nicht", bestätigt Peter Mallmann, Ärztlicher Direktor der Kölner Uni-Frauenklinik.

Eines steht also fest: Patienten können ihr Schicksal heute nicht mehr blind in die Hände ihrer Ärzte legen. Sie müssen ihren individuellen Weg für die Bewältigung der Krankheit finden. Das mag belastend sein, aber es ist auch eine Hilfe. Denn es lässt die Angst überwinden, die die meisten fest im Griff hat. "Das Unsichtbare, das Unbegreifbare erzeugt Angst", schreibt Sibylle Herbert. "Diese Angst ist greifbar, der Krebs nicht. Angst nimmt allen Raum ein." Indem Fragen gestellt und Antworten gefunden werden, verringert sich die Angst. Dieses Buch hilft, sich der Krankheit zu stellen und – im Wissen um die Fallstricke des Medizinbetriebes – den eigenen Weg zu ihrer Bewältigung zu finden. Deshalb ist dieses Buch so lesenswert. Nicht nur für Brustkrebspatientinnen.