Erst kam das Wirtschaftsmagazin Capital. Das Blatt schmähte Barbara Helffrich als schlimmen Prototyp einer Lobbyistin. Die Exchefin der Brüssler FrauenLobby, einer Initiative für die Rechte von Frauen, habe einen Job bei der EU-Kommission ergattert, um dort ihre Ideen zur Gleichstellung "in Gesetzentwürfe gießen und nebenbei Geldquellen erschließen" zu können. Dann schlugen die Kollegen von Bild zu. Sie kürten Helffrich zur "Feministin, die die hübschen Girls von der Seite 1 verbieten will". Schließlich legte der Spiegel nach: Er beschrieb die Frau, die in der Kommission längst den Job gewechselt hatte, als eine, die "Druck auf die Regierungen" mache, "um Gelder bereitzustellen und Programme zu bewilligen".

So schnell wird frau zur Personifizierung allen europäischen Übels: feministisch, sozial und spendierfreudig. Kann es Schlimmeres geben?

Wenn Barbara Helffrich über ihre Arbeit spricht, klingt die Geschichte ganz anders: "Die EU-Kommission muss sich um Gleichberechtigung kümmern und darum, dass niemand diskriminiert wird", sagt sie. Es gehe schließlich um die Verwirklichung europäischer Werte, das forderten die europäischen Verträge, und die hätten nun einmal alle Regierungen unterschrieben.

So verfasste Helffrich gemeinsam mit anderen Kommissionsbeamten die europäischen Richtlinien gegen Diskriminierung. Das ging lange gut, die Texte liefen problemlos durchs EU-Parlament und den Europäischen Rat. Der große Ärger begann, als ein Entwurf allen krankenversicherten Frauen die gleichen Bedingungen wie Männern verschaffen sollte, sprich: Ihre Tarife sollten billiger werden. Die Versicherungen sahen ihre Gewinne schmelzen, die Manager pilgerten gleich reihenweise nach Brüssel. Geschickt streuten sie die Geschichte der wild gewordenen Feministin. Mit Erfolg. Die Kommission ließ die Idee fallen.

Die schwedische Elternzeit wirkt für Belgier wie eine Utopie

Der Fall Helffrich ist bizarr, aber nicht untypisch. Zwar preisen viele Politiker in Sonntagsreden und Gipfelkommuniqués die europäischen Werte und das europäische Sozialmodell als beispielhaft für die Welt. Doch wenn es konkret wird, ist die Harmonie vorbei.

Gemeinsame Sozialpolitik betreibt die EU vor allem, wenn es gilt, unlauteren Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten auf Kosten der Arbeitnehmer zu verhindern. Warum das so ist, hat auch mit den Anfängen der Union als Wirtschaftsgemeinschaft zu tun. Europas Gründer hofften, die wirtschaftliche Integration werde dabei helfen, die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland zu überwinden – und gleichzeitig das westeuropäische Bollwerk gegen den Kommunismus stärken. Sozialpolitik war dabei nachrangig. Und das ist sie bis heute geblieben.

Deshalb verfolgt jede Nation ihren eigenen Weg. Französische Arbeitszeiten etwa gelten in Großbritannien als schädlicher Luxus. Die schwedische Elternzeit für Männer und Frauen, verbunden mit dem Recht, auf den alten Arbeitsplatz zurückzukehren, klingt für Belgier wie eine Utopie. Und Regeln gegen die Diskriminierung, wie sie in Großbritannien längst existieren, empören die Deutschen. Kurz: Was in einem Land unantastbar ist, gilt andernorts als Blütentraum versponnener Sozialromantiker. Allen kann es die Union mit einem europaweit geltenden Gesetz nie recht machen. Vor allem in Frankreich, wo die Bürger am Sonntag mit einem Referendum über die EU-Verfassung abstimmen werden, ist die Europäisierung für viele inzwischen nur die unangenehme Vorstufe der Globalisierung.