Man hatte sich auf allerhand gefasst gemacht: Neonazi-Aufmärsche, Hakenkreuz-Schmierereien, Vandalismus. Doch wer hätte ahnen können, dass am Berliner Holocaust-Denkmal eine neue Geschicklichkeits-Sportart entstehen würde? Nun reden alle über das Stelenhüpfen, zu dem sich junge Leute von der Architektur Peter Eisenmans inspirieren lassen. Kinder spielen Verstecken im Denkmal, kleine Gruppen picknicken auf den flachen Stelen am Rand. Eltern spornen den springenden Nachwuchs an: Super, Kevin, du schaffst das!

Jetzt erst kann man sehen, welch gewagte Sache Peter Eisenmans Denkmal ist.

Es hat keine Schwelle. Es nimmt jeden vom Bürgersteig weg so auf, wie er daherkommt, und setzt auf seine Bereitschaft, sich anrühren zu lassen. Die vier kleinen Bodenplatten mit den wenigen Verhaltensmaßregeln - bitte nicht springen, sonnenbaden, rauchen, picknicken! - muss man suchen. Wolfgang Thierse spricht sich bei allem Unbehagen gegen größere Verbotstafeln aus. Er hat Recht. Sie würden dem Charakter des Denkmals zuwiderlaufen. Sie sind auch nicht nötig: Es bedurfte keines Verbots, damit die Hauptstadt mit einem riesigen Neonazi-Aufmarsch zum 8. Mai fertig wurde. Die Bürger haben einfach den öffentlichen Raum für sich beansprucht. Genau so werden sie auch das Denkmal für sich reklamieren müssen.

Das Denkmal macht aus der Not, dass es angesichts der Maßlosigkeit der NS-Verbrechen kein angemessenes Gedenken geben kann, eine Tugend. Es versteht sich als freundliches Angebot. Das ist ein Grund zur Freude! Wir haben ein Denkmal für mündige Bürger, das nicht droht und nicht predigt und sich vertrauensvoll bis zur Schutzlosigkeit seinen Besuchern öffnet. Man muss nach altmodischen Worten greifen, um zu beschreiben, was der Ort verlangt: Herzensbildung, Takt.

Die gute Nachricht lautet: Die große Mehrzahl der Besucher versteht dies und verhält sich danach. Man steht stundenlang geduldig am Ort der Information an. Man lässt das Denkmal ruhig auf sich wirken. Nachher streitet man angeregt über dessen Stärken und Schwächen. Und man schreitet ein, wenn die Würde des Ortes verletzt wird.

Eisenmans offenes Kunstwerk hält eine Lehre für die offene Gesellschaft bereit: Sie wird nicht nur durch finstere Feinde bedroht, sondern auch durch Wurschtigkeit und Taktlosigkeit. Sein Denkmal sei kein heiliger Ort, hat Peter Eisenman trocken festgestellt. Jeder Versuch, ihn doch noch dazu zu machen - etwa durch die Versenkung von Reliquien, wie es Lea Rosh vorhatte -, ist frivol. Das Holocaust-Mahnmal ist kein Friedhof und braucht darum auch keine Friedhofsruhe.

Manche nützen die Erregung über die Hüpfer dazu, das Denkmal wegen seiner Offenheit jetzt schon für gescheitert zu erklären. Merkwürdigerweise sind dies dieselben Leute, denen es vorher zu düster und drohend erschien. Das Denkmal lebt, zum Glück. Es ist kein heiliger Ort, aber es darf auch kein banaler Ort werden.