Frau W. springt entsetzt in die Höhe. "Iiiih! Da bewegt sich was unter mir!" Schaudernd verfrachtet sie den Stuhl in die entfernteste Büroecke. Frau N. hält es immerhin zwei Stunden lang aus. Dann gibt sie auf. "Was ich ganz schlimm finde: Man wird vom Schreibtisch weggezogen. Ich habe das Gefühl, jemand steht hinter mir und zieht." Herr W. dagegen, der sich passenderweise den Ischiasnerv eingeklemmt hat, ist hinterher voll des Lobes: "Der Stuhl hat mir geholfen. Die Rückenmuskulatur hat sich gelockert. Das hat gut getan."

Sitzprobe in der ZEIT- Redaktion. Im Test: drei extravagante, laut Betriebsanleitung der Rückengesundheit dienende Bürostühle. Ein Hoppelstuhl. Ein sanfter Schaukler. Und ebendieser: ein Bürostuhl mit Motor. Optisch unauffällig, aber technisch hat er es in sich. Ein akkubetriebener Motor verdreht die Sitzfläche gegenüber der Lehne fünfmal in der Minute um 0,8 Grad nach rechts und links. Das Prinzip heißt "Mikromotiv". Der so ausgerüstete Stuhl bewegt den Menschen durch Mikrorotation. Bei Bedarf den ganzen, langen Bürotag über.

Lässt man einmal die wenig hilfreiche evolutionsgeschichtliche Sichtweise außer Acht, nach der der Mensch aufgrund seiner Herkunft und seines Körperbaus eigentlich nur liegen, klettern oder äußerstenfalls laufen sollte, so war doch bis in die neunziger Jahre orthopädisch weitgehend Konsens, dass jedenfalls das Sitzen der Übel größtes sei. Jahrzehntelang wurde vor allem den Büromenschen das Stehen empfohlen, beim Lesen, Telefonieren, selbst beim Schreiben am PC. Stehpulte zogen in Büros und Arbeitszimmer ein. Und wo Stehen nicht durchzusetzen war, musste zumindest aufrecht gesessen werden, mit durchgedrücktem Kreuz und vorgekipptem Becken. Große Gummibälle wurden angeschafft, auf denen die Sitzenden mühsam das Gleichgewicht zu halten suchten. Hässliche Stühle, in die man die Beine Adern quetschend einklemmte und auf denen man nur sitzen konnte wie Buddha.

Seit einigen Jahren lautet das Credo der Orthopädie wieder anders. Nicht Sitzen an sich ist schlimm (und begründet den bekannten happigen Zweidrittel-Anteil der Rückenleiden an den Ausfalltagen in Deutschland), sondern starres Sitzen. Aufrecht sitzen ist gut, wenn es von lässigem Lümmeln abgelöst wird. Mal hängt man in der Lehne, mal überm Schreibtisch. Devise: Die beste Sitzhaltung ist die nächste. Die Bandscheiben werden nicht durch Adern versorgt, sondern durch osmotischen Flüssigkeitsaustausch. Sie werden bei tüchtigem Kneten gut ernährt und funktionieren besser als Dämpfelemente des federnden Rückgrats. Wird ein Rücken überhaupt nicht bewegt, versteift er.

Herr S. lässt sich auf den lehnenlosen Hocker plumpsen und wird fast wieder auf die Beine zurückkatapultiert. Dann hüpft er eine Weile auf dem Swopper herum und wird um ein Haar abgeworfen. Er lacht und findet den Stuhl nicht sehr seriös. Herrn R. stört das pausenlose Wippen, mit dem er eine labile Balance herzustellen versucht, er vermisst die Ruhestellung, die eine Rückenlehne bietet. "Zu sportlich. Sport mache ich abends." Frau S. ist vor Schreck über den unzuverlässigen Sitzgrund gleich wieder abgesprungen. Frau W. benutzt ihn parallel zum alten Bürostuhl nur zeitweise, meist jedoch, um ihre Beine abzulegen. Aber Herr A. bescheinigt dem Swopper einen hohen Spaßfaktor und genießt es, sich selbst in eine sanfte Rotation um die Körperachse zu versetzen, sorgt sich indes um seinen Ruf im Büro angesichts einer solchen Bestuhlung. "Die Kollegen gucken amüsiert."

Was in der Bandscheibe vorgeht, weiß niemand genau

Die aktuell gültige Lehrmeinung, dass "richtiges", also dynamisches Sitzen am Arbeitsplatz zumindest nicht schädlicher ist als Stehen, hat immerhin einen Vorteil: Sie stützt sich auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse, was nicht ganz selbstverständlich ist. Die Sitzforschung hat nämlich ein zentrales Problem. Es ist nahezu unmöglich, die Vorgänge in der Wirbelsäule, speziell in den weichen Bandscheiben, am sich bewegenden Menschen zu erfassen. Vor Verzweiflung ließ sich ein Ulmer Kreuzschmerzforscher sogar schon mal einen Drucksensor in die eigene Bandscheibe implantieren. Die Berliner Biomechaniker Georg Bergmann und Antonius Rohlmann haben Ende der neunziger Jahre erst mit einem Trick die Druckverhältnisse im Kreuz messen können. Sie nutzten die Tatsache aus, dass Patienten mit einem Wirbelbruch häufig eine Fixiervorrichtung an die Wirbelsäule geschraubt wird. An dieser Schiene wurden Messeinrichtungen und ein Sender angebracht. Das damals überraschende Ergebnis: Der Druck in der Bandscheibe ist beim Sitzen und beim Stehen etwa gleich groß.

Seit einigen Wochen liegen nun erstmals die Ergebnisse der weltweit wohl größten und besten Sitzstudie vor. Den Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Traumatologie in Hessisch Lichtenau, Marcus Lengsfeld, hatte schon immer geärgert, dass nur Arzneimittel entsprechend gesetzlichen Regelungen von reichen Konzernen in klinischen Prüfphasen aufwändig getestet werden. "Rückengesunde" Bürostühle dagegen werden in Mengen auf den Markt geworfen, ohne dass es eine Methode zur Messung ihrer therapeutischen Wirksamkeit gäbe. In einer Langzeitstudie hat Lengsfeld jetzt eine Prüfmethode für Bürostühle entwickelt. Die Studie lief über zwei Jahre mit 280, allesamt kreuzkranken Teilnehmern. Sie war als Doppelblindstudie angelegt (weder die Teilnehmer noch das Testpersonal wussten, wer zur Versuchsgruppe gehörte und wer zur Kontrollgruppe). Unterstützt wurde Lengsfeld vom Lübecker Medizinstatistiker Andreas Ziegler. Finanzierer war der Mindener Büromöbelhersteller Drabert, der die Micromotiv-Stühle baut. Natürlich saßen die Testsitzer auf Draberts Rotationsstühlen.