In den vergangenen Wochen hat bei Michael Gérard das Telefon viel häufiger geklingelt als sonst. Ob er nicht noch einige Tonnen Gewerbemüll in seinen sechs Öfen verfeuern könne, wollten die Anrufer vom Geschäftsführer der Düsseldorfer Müllverbrennungsanlage (MVA) wissen - vor allem in den kommenden Monaten.

Bislang kann Gérard auf solche Wünsche noch eingehen. In der letzten Zeit hat er seine Anlage auf Leistung getrimmt. Kräne und Kessel ließ er reparieren, einen Müllbunker, in dem die angelieferten Abfälle vor dem Verbrennen gesammelt werden, wurde aufwändig saniert. Der Grund für diese Mühen: Ab Juni rechnen wir mit einem Ansturm, sagt Müll-Manager Gérard. Deutschlands Verbrennungsanlagen stehen vor einem Nachfrageboom - und damit aller Voraussicht auch vor einem Kapazitätsengpass.

Anfang Juni tritt nach einer zwölfjährigen Übergangsfrist die 1993 beschlossene Technische Anleitung Siedlungsabfall (TaSi) in Kraft. Damit endet endlich die Zeit der ökologisch bedenklichen Billigdeponierung, sagt Henning Friege vom Verein Abfallwirtschaft Region Rhein-Wupper. Für die deutsche Müllwirtschaft breche ein neues Zeitalter an. Künftig dürfen außer Steinen nur noch Stoffe auf Deponien landen, die vorher in einer Verbrennungs- oder einer mechanisch-biologischen Anlage (MBA) unschädlich gemacht worden sind. In den MBA werden die so genannten heizwertreichen Bestandteile, also etwa Papier, Kunststoffe, Textilien und Holz, von den Abfällen getrennt, um sie später ebenfalls in Verbrennungsanlagen zu verfeuern.

Dass solch eine Vorbehandlung privaten und gewerblichen Mülls unverzichtbar ist, ist unter Politikern und Umweltverbänden unumstritten. Nicht nur das austretende Sickerwasser schlecht abgedichteter Deponien hat sich in der Vergangenheit als ökologisches Risiko erwiesen. Auch die entweichenden Deponiegase sind gefährlich. Sie enthalten Methan, das 21-mal stärker zum Treibhauseffekt beiträgt als das weitaus bekanntere Kohlendioxid. Laut Bundesumweltministerium sind Deponiegase allein für rund ein Viertel der deutschen Methangasemissionen verantwortlich.

Bislang konnten Firmen den Müll zum Dumpingpreis loswerden

Bislang waren Deponien insbesondere für Unternehmen der bevorzugte Entsorgungsort. Während für die Abfälle der privaten Haushalte die Kommunen zuständig sind, gibt es bei den Gewerbeabfällen eine Parallelwirtschaft.

Abfälle müssen nur dann den Kommunen überlassen werden, wenn sie nicht wiederverwertet oder eben auf einer Kippe eingelagert werden. Seit Mitte der neunziger Jahre haben die Deponiebetreiber - das Ende der TaSi-Übergangsfrist und damit ihres Geschäfts vor Augen - alles getan, um noch möglichst viel Müll zu verklappen. Entsorgungsfirmen und Industriebetriebe konnten ihre Abfälle daher zu Dumpingpreisen von gerade einmal 20 Euro je Tonne bei ihnen loswerden. Zum Vergleich: Das Verbrennen kostet je nach Region zwischen 120 und 300 Euro.