Deutsche Börse Unsichtbare Macht
Wo ist Christopher Hohn? Der TCI-Mann stürzte die Chefs der Deutschen Börse. Doch seither ist er unsichtbar. Und ein Symbol dafür, warum Corporate Governance ohne Großaktionär ein kaum lösbares Problem darstellt
Diese Hauptversammlung wäre in die Geschichte der deutschen Aktiengesellschaften eingegangen. Rolf Breuer, der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, entgegnet Christopher Hohn, Hedgefondsmanager und mit knapp zehn Prozent der Stimmen Großaktionär: "Herr Hohn, wir lassen uns nicht von Ihnen unsere langfristige Unternehmensstrategie kaputt machen. Ihnen geht es doch nur um den kurzfristigen Profit. Der Aufstieg des Unternehmens zur größten Börsenorganisation weltweit wäre mit Ihrer Einstellung nie gelungen."
Zuvor hätte Hohn seinen Antrag zur Absetzung für Breuer begründet und schwere Vorwürfe erhoben
,
die Unternehmensführung sei abstoßend, da sie sich nicht den Interessen
der Aktionäre beuge, sondern Träume von Managern erfüllen helfe. Ein
wenig später nimmt die Hauptversammlung mit der Mehrheit der Stimmen
Tagesordnungspunkt 10 an und entmachtet den Aufsichtsratschef.
Es wäre das Finale zwischen Gut und Böse
,
Langfristig und Kurzfristig sowie zwischen der alten Deutschland AG und
den neuen Herren des Kapitals geworden. Breuer hätte sich zur besten
Sendezeit in Szene setzen können und Sympathie in einem Land geerntet,
das sich vor den Heuschrecken des Kapitals fürchtet.
Aber es kam anders. Nur die Kamerateams vor dem Eingang der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Hoechst erweckten
zuweilen den Eindruck von Heusschrecken
.
Immer dann, wenn sich Männer Ende dreißig mit randloser Brille und
schwarzen Haaren näherten, stürzte sich eine Horde Kameraleute und
Agenturjournalisten auf sie, in der Hoffnung Christopher Hohn zu
erwischen, den Anführer der Aktionärsrevolte.
Aber er, von dem bislang nur ein kleines Foto aus dem Spiegel existiert, entkam. War er da, wie immer wieder behauptet wurde? Auf jeden Fall habe er am Morgen im Frankfurter Hof, der Nobelherberge am Platz, gefrühstückt, berichteten gut informierte Quellen. Die Macht blieb unsichtbar - bis zum Ende der Hauptversammlung.
So fehlte der erhoffte Glamour. Alles andere war gespenstisch. Rolf Breuer hatte schon Anfang Mai vor der Rebellion seinen Kotau gemacht: Er warf Werner Seifert, den langjährigen Vorstandschef, raus und kündigte seinen Rücktritt für spätestens Ende des Jahres an. Drei weitere Aufsichtsratsmitglieder gaben noch am Abend ihren Rücktritt bekannt. Der jugendliche Finanzchef Hlubek musste in die Rolle seines Übervater Seiferts schlüpfen und das erfolgreiche Geschäftsjahr 2004 feiern.
Das alles war unecht. Alle die sprachen hatten eigentlich nichts zu sagen. Nichts zur künftigen Strategie, nichts zum neuen Vorstandschef, nichts zum neuen Aufsichtsratschef. All das blieb im Dunkeln.
Auch das gute Dutzend deutscher Aktionäre und Fondsmanager, das sich zu
Wort gemeldet hatte, war belanglos. Es repräsentierte maximal sieben
Prozent der Anteile.
Der Rest der Aktien liegt bei ausländischen Pensions-, Investment- oder eben Hedgefonds
.
Zwar waren die ausländischen Aktionäre da, wie die für
Aktiengesellschaften im Streubesitz sensationell hohe Präsenz von
sechzig Prozent des Grundkapitals bewies. Aber die ausländischen
Anteilseigner schwiegen. Oder hatten ihre Wünsche dem noch amtierenden
Aufsichtsrat beim Frühstück nahegebracht.
Die Deutsche Börse ist ein Musterbeispiel für ein gehandeltes Spekulationsobjekt. Binnen sechs Monaten, seit Seifert seinen Übernahmeplan in Richtung Londoner Börse öffentlich gemacht hat, hat mindestens die Hälfte der Aktien neue Besitzer bekommen, seit dem Börsengang vor vier Jahren dürften annähernd neunzig Prozent in neue Hände gegangen sein. Lagen noch zu Jahresbeginn 35 Prozent bei deutschen Adressen, sind es nun sieben Prozent.
Hohn's Hedgefonds
besaß im Dezember vielleicht ein Prozent. Heute hat er 8,5 Prozent.
Sind die deutschen Anleger, die alle verkauft haben, nun langfristig,
oder doch eher kurzfristig ausgerichtet? Was ist das für ein Interessen
an dem Unternehmen, wenn man es verkauft, nur weil der Kurs kräftig
gestiegen ist? Ist Hohn's Hedgefund vielleicht gar nicht kurzfristig?
Wo fängt das eine an, hört das andere auf?
Die Frage ist irrelevant. Solange Unternehmen keinen Großaktionär im Rücken haben, sei es eine Familie, sei es ein strategischer Investor, solange gibt es ein Kontroll- und Vertretungsproblem. Wie kann ein Aufsichtsrat, der auf drei Jahre gewählt wird, die Interessen der Aktionäre repräsentieren, die die Aktien wie Unterwäsche wechseln? Wenn sich wie bei der Deutschen Börse die Hälfte des Kapitals in einem halben Jahr dreht, ist das schlicht unmöglich.
Wer sucht die Aufsichtsratsmitglieder aus? Welcher Investor, der die Aktie für ein oder zwei Jahre halten wird, zeigt Interesse an dem Posten? In Aktiengesellschaften ohne Großaktionär sucht sich deshalb der Vorstandschef selbst seinen Aufsichtsrat aus. Dass so Kontrolle schlecht funktioniert, zu hohe Gehälter gezahlt werden und Abfindungen, wundert nicht. Auch Seifert erhielt aufgrund einer großzügigen Vertragsklausel zehn Millionen Euro Abfindung. Aus Sicht der Aktionäre ein Skandal - nicht aus Sicht des noch amtierenden Aufsichtsrates, der den Vertrag mit Seifert geschlossen hat.
Das Corporate-Governance-Problem ist in Aktiengesellschaften, die sich im Streubesitz befinden, kaum zu lösen. Die Manager der Deutschen Börse hatten das Pech, dass sich unter der Führung Hohn's plötzlich mehrere Eigentümer zusammen taten und die Strategie der Börse durchkreuzten. Der Kurs der Aktie schoss in die Höhe.
Wäre das die neue Funktion von Hedgefonds, nämlich dem Vorstand kostspielige Ideen auszutreiben, dann müsste man diese spekulativen Finanzvehikel eigentlich begrüßen. Doch können Hedgefonds auch eine langfristige Strategie entwerfen, die kurssteigernd wirkt, oder können sie nur absehbare Verschwendung verhindern?
Werner Seifert hat Werte geschaffen. Ein Aktionär der ersten Stunde, ein Frankfurter Freimakler, erzählte mir heute, dass er seine Aktien Anfang der neunziger Jahre bei der Umwandlung der Börse in die zunächst nicht notierte Aktiengesellschaft für umgerechnet knapp einen Euro gekauft hat. Heute ist sie knapp sechzig Euro wert.
- Datum
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT.de, 25.5.2005
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