Kein Hauch von Schadenfreude, nicht die leiseste Andeutung geheimer Genugtuung – von seinem toskanischen Ferienquartier aus, im Sonnenschein badend, verkündete Tony Blair, nun sei eine "Phase der Reflexion" geboten, über das soziale Modell für Europa wie für die richtige Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung. Der Premier vermied offen auszusprechen, was jedermann in seinem Kabinett hinter vorgehaltener Hand flüstert: Die europäische Verfassung ist tot, was immer Chirac oder Schröder sagen mögen.

"Absurd" wäre es, so ein Berater des Premiers, den Ratifizierungsprozess nach einem doppelten Nein in Frankreich und voraussichtlich Holland voranzutreiben, so als ob nichts geschehen sei. Darin sind sich in Großbritannien alle einig: Auch ein dezidierter Pro-Europäer wie der frühere konservative Schatzkanzler Kenneth Clarke bezeichnet ein britisches Referendum als "sinnlos". Und genau so denkt Blairs designierter Nachfolger Gordon Brown. Der Schatzkanzler, bete noir der Brüsseler Eurokratie, hatte ohnehin nie viel von dem Vertragswerk gehalten und wissen lassen, er könne "gut ohne die Verfassung leben".

Schon gar nicht liegt London daran, ausgerechnet Jaques Chirac, dem Intimfeind des "angelsächsischen Modells", die Peinlichkeit zu ersparen, als der Politiker in die europäischen Annalen einzugehen, dessen Abfuhr durch die eigenen Wähler der Verfassung den k.o. versetzt und das gesamte europäische Projekt in seine bislang tiefste Krise gestürzt hat. Doch London hofft, dass sich am Ende unter Europas Regierungen die Einsicht durchsetzt, dass es die Mühe nicht lohnt, die ungeliebte Verfassung doch noch zu retten. Blair selbst will den Krisenmanager und ehrlichen Makler spielen, der dringend benötigt wird, um aus der Malaise herauszukommen.

Der britische Premier blickt dabei mit neuem Optimismus in die Zukunft. Innenpolitisch wird seine Position durch den Verzicht auf ein britische Referendum gestärkt. Nicht länger existiert ein gewissermaßen natürliches Datum für den internen Machtwechsel von Blair zu Brown. Ein Referendum über die Verfassung wäre in Großbritannien nicht zu gewinnen. Das hat inzwischen selbst der Premier eingesehen. Nach verlorener Abstimmung aber wäre sein Abgang Mitte 2006 vorprogrammiert gewesen. Nun müssen sich Gordon Brown und seine Anhänger weiterhin in Geduld üben. Derweil rüstet sich Blair zum "Kampf um die Zukunft Europas", in dem Großbritannien und Frankreich zwangsläufig heftiger denn je aufeinanderprallen werden. London rechnet mit bitterem Widerstand der Pariser Regierung. Auch weiß man, dass Chirac danach trachten wird, die Briten auf die Anklagebank zu drängen, wegen ihrer Weigerung, über die alljährlichge Beitragsrückerstattung von drei Milliarden Pfund zu verhandeln, dem sogenannten britischen "Rebate".

Im Streit um die Blaupause für das künftige Europa glaubt der britische Premier dennoch die besseren Karten zu besitzen. Allein unter den Staatsmännern der großen EU-Staaten ist er gerade im Amt bestätigt worden. Blair mag nur ein Regierungschef auf Zeit sein, weil er zur nächsten Wahl nicht mehr antreten wird. Doch bleibt er zumindest für einige Jahre Herr seines eigenen Geschicks. Die wichtigen politischen Figuren in Europa dagegen sind allesamt angeschlagen oder stehen kurz vor dem Aus. Schröder ist ein Kanzler auf Abruf, Berlusconis Regierung taumelt dem Ende entgegen, Chirac wurde tödlich geschwächt.

Im europäischen Ensemble der Blinden ist Blair, der Einäugige, der unbestrittene König. Er kann mit stabiler parlamentarischer Mehrheit regieren und die immer noch hervorragende wirtschaftliche Verfassung seines Landes stellt seine vielleicht wichtigste Trumpfkarte dar. Selbst in Frankreich begann man letzthin die ökonomische Stärke Britanniens wahrzunehmen, zumal im direkten Vergleich zu den sklerotischen Volkswirtschaften Deutschlands und Frankreichs. Nichts ist schließlich wirkungsvoller als der Verweis auf kontinuierliches Wachstum und eine hohe Beschäftigungsrate.

Als Ratspräsident möchte Blair nicht nur mit dem "Schlamassel" nach dem gescheiterten Referenden zu tun haben. Priorität besitzen für den Briten die "längst überfälligen ökonomische Reformen" in Europa, womit allen voran flexiblere Arbeitsmärkte gemeint sind. Blair wird alles daransetzen, das britische Modell als Mittelweg zu empfehlen zwischen Amerikas Kapitalismus und den verschiedenen Sozialmodellen Europas, die unbezahlbar geworden seien. Den Kritikern des "herzlosen angelsächsischen Weges" kann er die beachtliche Umverteilung entgegenhalten, die ihm in acht Jahren Regierungszeit zugunsten der Ärmeren gelang, ohne an wirtschaftlicher Dynamik zu verlieren.