Von Mittwoch an sollte an der Bosporus-Universität in Istanbul drei Tage lang über die Ermordung von etwa 1,5 Millionen Armeniern im Ersten Weltkrieg debattiert werden. Auch Kritiker der offiziellen türkischen Haltung zum Genozid an der armenischen Bevölkerung wollten an dem Historiker-Treffen teilnehmen.Doch die Konferenz findet nicht statt – zumindest vorübergehend. Die Hochschulleitung gab sich diplomatisch und teilte mit, die Veranstaltung werde wegen des in der Türkei vorherrschenden Klimas in der Armenier-Frage vorerst nicht abgehalten. "Als staatliche Universität fürchten wir, dass die wissenschaftliche Freiheit wegen der Vorurteile über eine Konferenz, die noch gar nicht stattgefunden hat, in Mitleidenschaft gezogen werden könnte."Die Gründe dürften anderer Natur sein. Die Veranstalter sollen sich vielmehr dem Druck der türkischen Regierung gebeugt haben. Am Tag vor der geplanten Konferenz hatte sich Justizminister Cemil Cicek in einer Presseerklärung zu Wort gemeldet. "Wir müssen diesen Verrat und die Verbreitung der Propaganda gegen die Türkei durch Menschen, die diesem Land angehören, beenden." Auch vor einer historisch unrühmlichen Rhetorik scheute Cicek nicht zurück: "Diese Konferenz ist ein Dolchstoß in den Rücken der türkischen Nation, die nur der armenischen Diaspora in die Hände arbeitet."Die Presseerklärung verdeutlicht die Position der Regierung in Ankara, wenn es um die Aufarbeitung der türkischen Vergangenheit geht. Die Türkei erkennt zwar offiziell die Ermordung Hunderttausender Armenier durch das damalige Osmanische Reich an. Gleichzeitig rechnet sie aber vor, es seien bei den Partisanenkämpfen nach dem Zusammenbruch des Reiches noch viel mehr Türken ums Leben gekommen. Den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen, wie von internationaler Seite gefordert, lehnt sie bis heute ab.Ein EU-Diplomat bewertete die Äußerungen als unglaublich. Diese machten nicht nur die Politik der Türkei in dieser Frage zunichte. Sie würden auch die Ambitionen des Landes, in die Europäische Union (EU) einzutreten, zunichte machen. Die EU hat die Türkei dazu aufgefordert, vor Beginn der Beitrittsverhandlungen am 3. Oktober ihre Beziehungen zum Nachbarland Armenien zu verbessern. Einige EU-Vertreter verlangen sogar ein Schuldeingeständnis vor den Verhandlungen.Wie Deutschland haben zahlreiche EU-Länder in Resolutionen den damaligen Völkermord der Türken an den Armeniern anerkannt. Die Türkei wirft der EU dagegen vor, sie bringe die Armenier-Frage vor, um einen Beitritt zu verhindern.