Die Niederländer haben an diesem Mittwoch gegen die europäische Verfassung gestimmt. Jedes andere Ergebnis wäre angesichts der Stimmung im Land und der bekannten Umfrageergebnisse eine Überraschung gewesen. Die Frage war eigentlich nur, wie hoch die Ablehnung ausfällt; und wie viele Bürger in die Wahllokale gehen würden. Nachdem die Franzosen die Verfassung schon zurückgewiesen hatten, hätten viele Holländer es nicht mehr für nötig halten können, ihr Nein ebenfalls kundzutun. Das wäre dann vielleicht die letzte Chance für die Regierung des christdemokratischen Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende gewesen, den Spieß doch noch umzudrehen. Denn das Ergebnis des Referendums bindet Regierung und Parlament nicht in ihrer Entscheidung. So hatten sich die großen Parteien darauf geeinigt, sie wollten dem Volkswillen nur folgen, wenn die Wahlbeteiligung hoch genug ist. Das war sie: 62 Prozent gingen zur Wahl; und 61,6 Prozent von ihnen stimmten mit Nein.

Was ist los in Holland? Jahrzehntelang galt das Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft als Garant europäischer Stabilität und Verfechter der Integration. Nun haben die Bürger genug von Europa; der Prozentsatz der niederländischen Nein-Sager wird den der französischen wohl noch deutlich übersteigen.

Seit bald einem Jahrzehnt ist in der niederländischen Bevölkerung ein untergründiger Strom des Unbehagens auszumachen, der stetig anschwillt. Verschiedenste Sorgen und Ängste fließen da zusammen und schaffen eine Stimmung, die sich mit schöner Regelmäßigkeit bei Wahlgängen entlädt – gleich, worum es bei der Abstimmung genau geht.

Nachdem das Land Ende der neunziger Jahre endlich der "holländischen Krankheit" entkommen schien und eine Zeit der Hochkonjunktur erlebte , verschärft sich die ökonomische Lage zusehends. Die Wirtschaft stagniert im dritten Jahr. Die Arbeitslosigkeit, die vor wenigen Jahren noch auf unter zwei Prozent gefallen war, wächst wieder – auf wesentlich niedrigerem Niveau als in Deutschland, doch deutlich spürbar für jeden Bürger.

Die Sozialsysteme ächzen unter der Last der schwachen Konjunkturentwicklung. Ärzte streiken wegen schlechter Bezahlung, Patienten beklagen lange Wartezeiten. Die Innenstädte verwahrlosen, weil viele Kommunen in Zeiten voller Kassen nicht genug in die Infrastruktur und die Stadtentwicklung investierten. Die sozialen Gegensätze in den Großstädten des Ballungsgebiets der randstad (Amsterdam, Den Haag, Rotterdam, Utrecht) verschärfen sich, ganze Stadtviertel verfallen. Dort bildet sich eine Subkultur aus Armut, sozialer Verwahrlosung und Kriminalität. Hinzu kommt der Schock zweier politischer Morde – an Pim Fortuyn und Theo van Gogh – die die Grundfesten des toleranten, liberalen Landes erschüttert haben.

Die Niederlande stecken in einer tiefen Identitätskrise. Nach dem Tod van Goghs sagte der Schriftsteller Harry Mulisch, die friedlichen, toleranten und liberalen Niederlande gebe es nicht mehr, es sei "kalt" geworden in Holland. Diese Krise hat auch die Politik erfasst. Seit 1994 (also schon lange vor dem Tod Fortuyns), ist das politische System in Bewegung geraten. Keine Partei, keine politische Richtung kann sich mehr ihrer Anhängerschaft sicher sein. Stürzten beispielsweise die Sozialdemokraten 2002 trotz der erfolgreichen Politik ihres Ministerpräsidenten Wim Kok in der Wählergunst von 29 auf 15 Prozent ab, gewannen sie bei den vorgezogenen Neuwahlen ein Jahr später wieder rund 27 Prozent. Ähnlich heftigen Schwankungen unterliegen alle Parteien. Die Zahl der Wechselwähler steigt von Wahl zu Wahl.