Der Besuch eines israelischen Staatsoberhaupts in Deutschland wird immer etwas Besonders bleiben. Daran ändern auch vierzig Jahre diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern nichts. Mosche Katzav, nach Eser Weizman der zweite Staatspräsident Israels, der vor dem Bundestag sprach, suchte am Dienstag wie auch sein Vorgänger den schwierigen Spagat zwischen dem "Abgrund des Holocaust" und der Zukunft. Auch er fand klare Worte für das Einzigartige am deutsch-israelischen Verhältnis: "Die Schoah wird immer den Anfangs- und Schlusspunkt bilden."

Den ersten Applaus erhielt der Präsident, als er - begleitet von Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder - den Plenarsaal betrat. Hatte Weizman 1996 noch im alten Bundestag in Bonn gesprochen, sah sich Katzav mit seiner Rede im Reichstagsgebäude einer zusätzlichen dunklen Erinnerung ausgesetzt: "Hier in diesem Gebäude begann die Tragödie, die zur systematischen Ausrottung des jüdischen Volkes führte. Hier in Berlin wurden die Entscheidungen gefällt, die zur größten Tragödie der Menschheit führten."

Die Schrecken endeten für die Opfer nicht mit Kriegsende: "Die seelischen Narben sind auch in der zweiten und dritten Generation noch spürbar." Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erinnerte an den für Israel schmerzhaften Weg der Annäherung: "Wer hätte am 8. Mai 1945 auch nur zu hoffen gewagt, dass in Deutschland wieder jüdische Gemeinden wachsen?" Nur zwanzig Jahre nach Kriegsende, am 12. Mai 1965, habe Israel mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen Deutschland über die Gräber des Holocaust hinweg die Hand gereicht. Dies sei nicht hoch genug zu würdigen.

Katzav folgte mit seinem Besuch einer Einladung, die schon der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau ausgesprochen hatte und die dessen Nachfolger Horst Köhler bekräftigte. Vor vier Monaten hatte sich Köhler in seiner Rede im israelischen Parlament in "Scham und Demut" vor den Opfern des Holocaust verneigt und dabei an die Aufgabe erinnert, Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen.

Dieses Thema sorgt im Bewusstsein um die tragische Vergangenheit immer wieder für Beunruhigung. Neonazi-Aufmärsche und NPD-Wahlerfolge werden in Israel mit hoher Aufmerksamkeit und großer Sorge verfolgt. Katzav beklagte, der Antisemitismus brande wieder auf wie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Im Kampf gegen den Antisemitismus sehen darum sowohl Köhler als auch Katzav eine der zentralen Gemeinsamkeiten im deutsch-israelischen Verhältnis.

Für Staatsmänner beider Länder war es nach dem Holocaust immer äußerst schwer, manchmal unmöglich, aus dem Schatten der Vergangenheit herauszutreten. Es waren vor allem die beiden Regierungschefs David Ben Gurion und Konrad Adenauer, die den Weg für die Annäherung ebneten. Vierzig Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen konnte darum Katzav in dem für die Juden Europas so verhängnisvollen Gebäude des Reichstags sagen: "Die Bundesrepublik ist ein echter Freund Israels."

Der sieben Monate nach Ende des Weltkriegs 1945 in Iran geborene Staatspräsident rief die Deutschen auf, nun die Grundlage der gegenseitigen Beziehungen für die kommenden vierzig Jahre aufzubauen. "Lassen Sie uns mit einer neuen Botschaft aus dieser Sitzung gehen", rief er den Abgeordneten und Kabinettsmitgliedern im Bundestag zu, die dem Gast stehend applaudierten.