"Kirchentag war immer politisch, aber nie Wahlkampf", sagte Moderator Stephan Dorgerloh. So läuteten die Vorsitzenden der beiden großen Volksparteien auf dem Kirchentag den Bundestagswahlkampf auch nicht ein. Ein bisschen klingeln durften sie aber schon.

Dabei ging es zunächst um Heimat. Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel schwärmte von Kranichen und Waldspaziergängen in der Uckermark. SPD-Chef Franz Müntefering schwelgte in Erinnerungen an seine Kindheit im Sauerland.

Beim Thema Europäische Einigung bekräftigte Angela Merkel, wie wichtig die christlich-jüdischen Wurzeln Europas seien. Und schoss gegen den fehlenden Gottesbezug im EU-Verfassungsentwurf. Das sei "ein großes Manko". Aus dem Publikum kam an dieser Stelle großer Applaus. Franz Müntefering konterte, der religiöse Bezug in der Verfassung fehle keinesfalls und die im Entwurf verankerten Grundrechte entsprächen auch dem deutschen Grundgesetz.

Die Parteivorsitzenden saßen auf dem Podium nebeneinander, Müntefering links von Merkel. Kaum Blicke, die Körperhaltung angespannt. Lächeln und Nicken gab es nur für die anderen Podiumsteilnehmer.

Beide Diskutanten betonten, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei müssten ergebnisoffen geführt werden. Angela Merkel warb erneut für das CDU-Konzept einer "privilegierten Partnerschaft". Persönlich halte sie einen Beitritt der Türkei in absehbarer Zeit für die EU nicht für verkraftbar. Sie räumte ein, man könne "nicht sagen, das Ergebnis muss eine privilegierte Partnerschaft sein". Der SPD-Vorsitzende betonte "die einmalige historische Chance" der EU-Erweiterung. Insgesamt verharrten beide in den bekannten Positionen ihrer Parteien.

Die heiklen Themen sprachen andere an. Und ernteten dafür mehr Applaus als die Hauptakteure. Wie überhaupt die Zustimmung für die Parteivorsitzenden nur graduell voneinander abwich. Jedesmal, wenn Worte wie "Wurzeln", "Orientierung" oder "Werte" fielen, reagierte das Publikum positiv. Der Europaabgeordnete Cem Özdemir wurde konkreter und unterstrich die Probleme, die es bei der Europäischen Einigung noch gebe: die Kosten für die einzelnen Länder und die Angst der Menschen vor der Konkurrenz durch Billiglöhne und Sozialabbau.

Die türkischstämmige Soziologin Dr. Necla Kelek sprach sich angesichts der fehlenden Gleichberechtigung der Frau in der Türkei gegen einen EU-Beitritt in absehbarer Zeit aus. Wenn in Staaten "die Öffentlichkeit Männern" gehöre und Frauen nur verschleiert Zugang hätten, sei das ein Haupt- und kein Nebenthema. "Ein großes Fragezeichen" sah in dieser Frage auch Angela Merkel.

Beitritt ja oder nein, früher oder später: Als Fazit der Diskussion resümierte Cem Özdemir, der Streit sei künstlich. Er warnte, der "Populismus gegen Europa solle sich im Wahlkampf nicht durchsetzen".