Es gebe Philosophen, so meinte Paul Ricœur einmal, die seien bekannt wie bunte Hunde, obwohl sie geistig nur mit leichtem Gepäck unterwegs seien. Doch das "Sichtbare" sei nicht unbedingt das "Wichtige". Wenn es für diesen Satz eines Beweises bedurft hätte, so wäre es Ricœur selbst gewesen. Er war schon fast siebzig Jahre alt, als die Öffentlichkeit seinen Rang erkannte. Paul Ricœur, hieß es, sei zu rühmen, auch wenn sein Werk ein "Rätsel" sei.

Genau das war es nicht, denn in rätselloser Klarheit hatte Ricœur die Sprache in das Zentrum seiner Philosophie gestellt. Wie für alle großen Denker des 20. Jahrhunderts bildet sie für ihn den symbolischen Fels der Existenz. Ohne die Augen der Sprache blieben die Blicke des Menschen leer. "Meine Eltern sind die Bücher", meinte Ricœur, der kurz nach seiner Geburt im südfranzösischen Valende erst seine Mutter, dann seinen Vater verloren hatte (der Vater fiel 1915 in der Marne-Schlacht). Im Zweiten Weltkrieg verschleppten ihn die deutschen Besatzer nach Hinterpommern. Fünf Jahre verbrachte Ricœur in Kriegsgefangenschaft, entdeckte dort seine unstillbare Liebe zur deutschen Philosophie und übersetzte Edmund Husserls Ideen zu einer reinen Phänomenologie ins Französische. Mangels Papier an den Rand des Originals gekritzelt.

Husserls Ausstrahlung war groß, aber noch mächtiger war der Einfluss, den die Existenzphilosophie Martin Heideggers auf sein Denken ausübte. Sogar in Ricœurs Schriften zu Freud und in seiner erbitterten Auseinandersetzung mit Claude Lévi-Strauss war die Gedankenwelt des deutschen Philosophen zu spüren. Und in seiner Schrift Religion, Atheismus und Glaube suchte er Heideggers Beistand, um der gängigen Religionskritik den Wind aus den Segeln zu nehmen und sie vor dem Vorwurf in Schutz zu nehmen, hinter ihren Werten lauerten lediglich Ressentiment, Rachsucht und Vergeltung. Religion, da klang Ricœur beinahe wie Heidegger, müsse zurückfinden zum "Andenken des Wortes" und zur stummen Hingabe an den "Ursprung".

Das war 1970, in dem Jahr, als Ricœur als Rektor der Reformuniversität Paris-Nanterre das Handtuch warf, entnervt von den Zwangsmaßnahmen der französischen Administration und entsetzt von einer Gruppe maoistischer Studenten, die einen Kübel Müll über ihm entleert hatten. Akademisch von Althusser, Lacan und Foucault, den damaligen Stars der Pariser Szene, an den Rand gedrängt, zog sich Ricœur zurück, ging nach Chicago und erarbeitete dort eine eigene, wahrhaft menschenfreundliche Hermeneutik, eine "Philosophie des Verstehens". Sie sollte kulturelle Überlieferungen weder dekonstruktivistisch auflösen noch als "Andenken des Seins" rituell wiederholen.

Ricœur, der Protestant, der in den dreißiger Jahren in einer Gruppe von Linkskatholiken um Gabriel Marcel Anschluss gefunden hatte, verschärfte seine Kritik an Philosophen, die im Kielwasser von Heidegger das "hebräische Massiv" und das christliche Erbe als metaphysikgeschichtlichen Irrtum betrachteten, um es gegen Seinsglauben und Ursprungsdenken auszutauschen. Eindringlich beschrieb er in seinem Buch Das Selbst als ein Anderer die Gewissenlosigkeit, mit der Heidegger das Gewissen behandelte. Für Ricœur durchbricht die Stimme des Gewissens den Panzer des Ich, seinen Dünkel und seine Verschlossenheit. Doch anders als bei Heidegger war diese Erfahrung eine ethische. Das heißt, mit der Stimme des Gewissens, gewissermaßen aus dem "Herzen der Selbstheit", spricht nicht ein dunkles "Sein", sondern der leibhaftige "Andere". Erst das Gewissen eröffnet die "innerste Möglichkeit", das Gegenüber wahrzunehmen und die "Aufforderung, die durch ihn an uns ergeht". Diese Sätze liest man mit Wehmut und Beklemmung, denn Ricœur formuliert darin die Alternative zum Antihumanismus der deutschen Philosophie. Wären Heidegger und der "deutsche Geist" diesen Weg gegangen, dann wären sie gegen die faschistische Kehre ihres Denkens gefeit gewesen, gegen den Hass auf Demokratie und Freiheit, Recht und Gerechtigkeit.

Der Poststrukturalismus galt ihm nur als "Schaum des Denkens"

Keinen Zweifel ließ Ricœur daran, dass auch die Heideggerianer von links, die Poststrukturalisten der späten siebziger und achtziger Jahre, nicht zu seinen Freunden zählen. Sie hatten den "Tod des Subjekts" verkündet, und das war in seinen Augen ein moralischer Sündenfall. Wer den Menschen vollständig dekonstruiert und ihm jeden Eigensinn abspricht, der gebe den Begriff moralischer Verantwortung preis. "Schaum des Denkens" nannte Ricœur diesen radical chic, der es im Zweifel stets mit den stärkeren Bataillonen halte, mit der Anbetung der Macht.

Damals, in den Zeiten des extremen Denkens, galt Ricœur höchstens als philosophierender Vermittler, und das war nicht nur als Kompliment gemeint. Dabei hatten andere längst erkannt, welche Einsichten sich in Ricœurs diplomatischer Philosophie, in seinem unendlich redlichen, skrupulösen Denken verbargen. Das galt vor allem für seine Hermeneutik der Kunst. Für Ricœur erschöpfte sich ein sprachliches Kunstwerk nicht in einem weltlosen Spiel gleich-gültiger Zeichen und Bedeutungen. Ebenso wenig verstand er es als "reale Gegenwart" einer ursprünglichen Wahrheit. Das Ästhetische, schrieb Ricœur, ist beides: Es ist radikale Distanz und doch in unsere Welt eingelassen. In dem Augenblick, wo wir ein Kunstwerk deuten, hat es teil an unserem Dasein und regeneriert unsere zerschlissenen Metaphern und Begriffe.