Für Boris Kilin trägt das Chodorkowski-Urteil eine eindeutige Handschrift. "Das war das Werk Putins", schimpft der 63- jährige Rentner in der Nähe des Moskauer Meschtschanski-Gerichts. Dort war der frühere Ölmagnat Michail Chodorkowski Minuten zuvor zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt worden. "Aus dem Reich des Bösen wird ein Reich der Heuchelei", steht auf einem Plakat in Anspielung auf die einstige Sowjetunion und den Ruf des heutigen Rechtssystems.

Auf der anderen Straßenseite, getrennt durch zwei Reihen Milizionäre, frohlocken die Chodorkowski-Gegner. Präsident Wladimir Putin greife hart durch gegen die im Raubkapitalismus zu Reichtum gekommenen Oligarchen , betont eine ältere Dame. "Jetzt kommen die anderen Verbrecher auch noch an die Reihe", sagt sie zuversichtlich.

Wer in Russland der Propaganda in den Staatsmedien nicht blindlings vertraut, hegt Zweifel an der Unabhängigkeit der Gerichte . In Moskau gilt es als sicher, dass der Kreml in diesem bedeutenden Gerichtsverfahren die Fäden in der Hand hielt.

Die Spekulationen, weshalb der Kreml Chodorkowski aus dem Verkehr zog, sind vielfältig. Lag es an angeblichen Plänen, den Ölkonzern Yukos zumindest in Teilen an amerikanische Unternehmen zu verkaufen? Oder brachte die Finanzierung von Oppositionsparteien durch Chodorkowski den Kreml in Rage? In Umfragen hält eine große Mehrheit der Russen Chodorkowski für schuldig. Doch im selben Atemzug werden die Namen von einem halben Dutzend anderer Oligarchen genannt, die nach Ansicht der Bevölkerung ebenso viel Dreck am Stecken haben.

Die Verurteilung Chodorkowskis dürfte einen Schlussstrich unter die Versuche von Oligarchen ziehen, sich als politische Kraft im Land zu etablieren. Die kremltreuen Multi-Milliardäre haben Konjunktur. Während Chodorkowski am vergangenen Freitag seinem Urteil entgegenbangte, empfing Putin den nicht weniger umstrittenen Ölmagnaten Roman Abramowitsch.