Welch ein trauriges Bild die rot-grüne Regierung bietet. Einen solch abrupten Machtverfall hat es in der Nachkriegsgeschichte noch nicht gegeben. Zehn Tage nach dem Beschluss, Neuwahlen anzustreben, befindet sich die Regierung in Auflösung. Täglich werden neue Strategien für den Weg zu Neuwahlen entworfen. Unablässig wechseln Rote und Grüne zwischen gegenseitiger Beschimpfung und erneuertem Treueschwur. Heute wird die Unternehmensteuer zur Sollbruchstelle der Koalition erklärt, morgen schon zum Beweis unveränderter Handlungsfähigkeit.

Dabei sollten Neuwahlen gerade verhindern, dass die sieben Jahre rot-grünen Regierens in der Zeit bis zum regulären Wahltermin im Chaos versinken. Schröder wollte die Reformagenda für sich und die große SPD-Erzählung retten. Doch er hatte die Schritte nach der Neuwahl-Ankündigung weder richtig durchdacht noch gar organisiert. Nun ruft die dilettantische Inszenierung alle Erinnerungen an die handwerklichen Fehler der vergangenen Jahre wach. Immer wieder hat die Regierung richtige Ideen durch schlechte Ausführung entwertet. Nun sogar das Ende? Die Politik, die das Chaos verhindern sollte, ist selbst chaotisch.

Zudem traktieren die ehemals starken Männer ihre Parteien mit völlig irrealen Wahlkampfstrategien. SPD und Grüne sollen mit denselben Argumenten, demselben Personal und denselben Wirtschaftsdaten in den Wahlkampf ziehen wie in NRW. Nur diesmal halt gewinnen. Angeblich wird eine Wiederwahl von Rot-Grün angestrebt, um die Blockade des Bundesrates zu lösen, die in Wahrheit durch eine Wiederwahl für weitere vier Jahre zementiert würde. Zwischendurch spielt die SPD mit der Möglichkeit einer Großen Koalition, in der sie dann als Juniorpartner am Katzentisch des Kabinetts sitzen würde. Und zwar zu dem Zweck, die Agenda-Politik weiterzutreiben, an der sie sich so aufgerieben hat. Nur noch verschärft. Und ohne den Stolz, es wenigstens an führender Stelle tun zu können.

Die Aufforderung an die Parteien, für die Wiederwahl zu kämpfen, für etwas, an das niemand glaubt und das niemand mehr will, führt dazu, dass die Autorität von Gerhard Schröder, Franz Müntefering und Joschka Fischer von Tag zu Tag mehr zerfällt. Und je mehr ihre Autorität schwindet, desto verkrampfter versuchen sie, die Steuerung zu behalten. Der Kanzler verfügt einen einmonatigen Diskussionsstopp über den Weg zu Neuwahlen und erweckt dabei den Eindruck, er wolle nicht darüber reden, weil er nicht weiß, wie es geht. Fischer sagt zu alldem Ja und Amen, läuft als des Kochs letzter Kellner mit leerem Teller durch das Bundestagsrestaurant und droht allen Grünen, die diesem Tun mit hochgezogener Augenbraue begegnen, er werde hinschmeißen. Während Müntefering die SPD zugleich links profilieren und hinter dem Kanzler versammeln will, ohne unterwegs Wolfgang Clement verlieren zu dürfen, der jedoch zugleich als innerparteilicher Sündenbock herhalten muss.

Nun hilft der rot-grünen Regierung nur noch zweierlei, um das Erbe und die Ehre ihrer sieben Jahre zu retten. Erstens müssen die Neuwahlen so sauber wie noch möglich herbeigeführt werden. Zweitens müssen Schröder, Fischer und Müntefering ihre kuriose Wahlkampfstrategie aufgeben. Es gibt schließlich Ziele, für die es sich zu kämpfen lohnt: eine SPD, die stark genug ist, um an ihrer Niederlage nicht neurotisch zu werden, stark genug auch, um eine christlich-liberale Regierung zu kontrollieren und zu balancieren; und eine erneuerte Öko-Partei, die als grünes Gewissen einer schwarzen Republik im Parlament nun wirklich gebraucht würde.

Es hat schon mal einen illusionären SPD-Wahlkampf gegeben. Das war im Jahre 1987, als der Kanzlerkandidat Johannes Rau sich weigerte, eine Koalition mit den Grünen auch nur ins Auge zu fassen. Er sprach im Kampf gegen Kohl allen Unernstes von einer "eigenen Mehrheit". So lange, bis der damalige SPD-Vorsitzende Willy Brandt dem grotesken Treiben mit der Bemerkung ein Ende machte, 43 Prozent seien auch "ein schönes Ergebnis". Die SPD bekam 37 Prozent. Man würde der Partei jetzt einen neuen Willy Brandt wünschen. Und ein Ergebnis von 37 Prozent.