Einer nach dem anderen drängten sie sich wieder zur Tür mit jenem seltsamen Gefühl innerer Befriedigung, das jeder empfindet, wenn einem anderen, und sei es selbst einem nahestehenden Menschen, ein jähes Unglück zustößt, und von dem ohne Ausnahme niemand von uns frei ist, seine Anteilnahme und sein Mitleid mögen so aufrichtig sein, wie sie wollen."

Diese Szene stammt aus Dostojewskijs Roman Schuld und Sühne (1866). Die Bewohner eines Mietshauses sehen einem armen Säufer, Marmeladow, der von einer Pferdekutsche überrollt worden ist, beim qualvollen Sterben zu. Das Zimmer Marmeladows, so Dostojewskij, war mit Gaffern derartig überfüllt, "dass kein Apfel hätte zur Erde fallen können".

Man denkt, wenn man das liest, an die großen Sterbeszenen des Theaters. Auf der Bühne stürzt ein einsamer Mensch, und im vollen Saal hätte kein Apfel zur Erde fallen können. Auf der Bühne liegt einer in seinem Blut, und im Parkett herrscht Hochstimmung. Wir brauchen den fremden Untergang, um den Gedanken an unseren eigenen zu ertragen.

Andrea Breth hat am Wiener Burgtheater Tschechows Komödie Der Kirschgarten (uraufgeführt 1904) inszeniert. In dieser Aufführung ist kein blutiger Menschentod zu besichtigen, nur der Untergang einer Epoche. Bei Breth wird nicht mehr geschieden zwischen denen, die sterben, und denen, die gaffen, sondern alle gehen gaffend unter; sie sterben (ein bisschen) und sehen einander zu dabei. Eine gesellschaftliche Klasse wird abgelöst, ein Kirschgarten wird abgeholzt. Mehr geschieht nicht.

Alle vier Akte spielen im selben düsteren grünen Ballsaal, dessen Fenster mit Vorhängen verhängt sind. Es mag ein Ballsaal der fünfziger Jahre sein, mit einem an die hohe Decke gebannten Lüftungssystem (Bühne: Gisbert Jäkel). Jedoch, was soll das riesige, im Hintergrund austretende Kloakenabwasserrohr?

Der Kirschgarten ist längst abgeholzt, und das blöde, baumlose Wartezimmerlicht von heute dringt in den Saal. Es gibt keine Nischen oder Rückzugsorte, und jeder hat hier nur ein Ziel: sich mit den anderen so gegen das Unglück zu verschwören, dass es nicht ihn als Nächsten trifft.

Das ist vielleicht Andrea Breths schönstes Kunststück: Ihre Gruppenszenen leben vom Hochgefühl der Ausgrenzung. Alles Handeln – die Blicke, die Gesten hinterm Rücken eines anderen – bedeutet Verschwörung gegen individuelles Unglück. Die Masse ist bei Breth kaum verwundbar; sie lebt im Aufschub ihres eigenes Untergangs. Kollektive Höhöhös amüsieren sich über ungeschickte Außenseiter, feine Seufzer gelten den Trauernden und den Toten (und Tote sind wohl die ungeschicktesten Außenseiter von allen).