Archäologie Freudenfest im Sonnenhaus

Das viel besungene »House of the Rising Sun« gab es tatsächlich. Archäologen entdeckten im Französischen Viertel von New Orleans die Überreste des Bordells

Als der Song 1964 in die Plattenläden kam, gaben ihm die Kritiker keine Chance. »So lange will doch keiner einem einzigen Lied zuhören«, urteilten sie über die längste Aufnahme, die je auf eine Single gepresst worden war. Doch mit landeten Eric Burdon und seine Band, die Animals, einen Riesenhit. Es war der erste britische Titel, der nicht von den Beatles stammte und es trotzdem in die U. S. Top 20 schaffte. Seit 40 Jahren gehört er zum Bühnenrepertoire von Schülerbands und großen Rock- und Popstars: Bob Dylan, Jimi Hendrix, Led Zeppelin, The Doors, The Rolling Stones, Marianne Faithfull, Tracy Chapman und Sinead O’Connor sangen das Lied vom Leben eines jungen Mannes, der in einem Bordell in New Orleans auf die schiefe Bahn gerät.

Bislang galt dieser Ort der Sünde als fiktiv. Touristenführer leiten Besucher zwar gern in die St. Louis Street und erzählen, dort habe in der Nummer 826–830 zwischen 1862 und 1874 eine Madame Marianne LeSoleil Levant gewohnt, deren klangvoller Name sich als »Frau Aufgehende Sonne« übersetzen ließe. Warum diese Dame den »Ruin vieler bedauernswerter Jungen« bedeutete, wie es im Liedtext heißt, blieb stets der Fantasie überlassen.

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Doch offenbar hat das berühmteste Freudenhaus der Musikgeschichte tatsächlich existiert. Zwar nicht auf dem Anwesen von Frau Aufgehende Sonne, sondern dort, wo derzeit eine sehr hässliche alte Garage steht: in der Conti Street Nr. 535–537, im Französischen Viertel. Das Gebäude kaufte die Historic New Orleans Collection, um hier ein neues Archivgebäude zu errichten. Jeder andere Besitzer hätte die Garage abgerissen und so schnell wie möglich das neue Gebäude hochgezogen. Doch die Gesellschaft, die sich der Erforschung der Geschichte von Louisiana widmet, ließ vor dem Neubau eine archäologische Stichprobengrabung durchführen.

Die Anthropologin Shannon Dawdy von der University of Chicago und Mitarbeiter der lokalen Archäologiefirma Earth Science, Inc. hackten Löcher in den Zementboden der Garage und fanden eindeutige Indizien anrüchigen Treibens: Scherben von Brandy- und Bierflaschen in Hülle und Fülle sowie Bruchstücke von mindestens sieben Schminktöpfchen. Die Gefäße, die einst Rouge enthielten, sind charakteristisch für die Kosmetikkeramik des frühen 19. Jahrhunderts: grün oder blau bemalt, mit einem schweren Fuß – der es einer Frau erlaubte, mit dem Finger in die Schminke zu fassen, ohne den Topf dafür in die Hand nehmen zu müssen.

Schnapsflaschen und Schminktöpfe erzählen von anrüchigem Treiben

Der Kreis jener Damen, die auf diese Weise ihrer natürlichen Schönheit nachhalfen, war damals begrenzt. Eine ehrenwerte Frau im New Orleans jener Jahre hätte kaum ihre Wangen mit Rouge gerötet. Infrage kommen eher Schauspielerinnen, Tänzerinnen – oder Prostituierte.

Shannon Dawdy grub nicht nur unter der Garage, sie dehnte ihre Suche auch auf die Zeitungsarchive der Stadt aus. Und siehe da, auf Seite eins der Louisiana Gazette vom 29. Januar 1821 prangte eine Anzeige für ein Hotel: Das House of the Rising Sun hatte an jener Stelle der Conti Street seine Pforten soeben wieder eröffnet. »Keine Mühen oder Kosten werden gescheut«, versprachen die neuen Betreiber, eine Firma mit dem Namen L. S. Hotchkiss, »um umfangreiche Zufriedenheit zu gewährleisten und wie in den vergangenen zwanzig Jahren für beste Unterhaltung zu sorgen.« Zum Angebot der Lokalität gehörte eine »mit grundsätzlich guten Spirituosen ausgestattete« Bar. Damit nicht genug: »Gentlemen können sich darauf verlassen, bei uns aufmerksame Bedienung zu finden.« Mit anderen Worten: ein Herrenetablissement. Noch einmal taucht das Hotel in der Louisiana Gazette auf, gut ein Jahr später, am 28. Februar 1822. Da allerdings in einer Nachricht: »Gegen zwei Uhr morgens brach gestern im Rising-Sun-Hotel in der Conti Street ein Feuer aus. Das große Gebäude wurde gänzlich zerstört.«

Außer den Resten des Hotels mit aufmerksamer Bedienung fand Shannon Dawdy manch anderes Stück Geschichte von New Orleans unter dem Garagenboden. Den wohl bedeutendsten Fund machte sie in den tiefsten Schichten. Dort kamen Scherben von prähistorischer indianischer Keramik zutage.

Die Gefäße datieren in die Zeit zwischen 1200 und 1600, lange bevor die ersten französischen Siedler an den Mississippi kamen. Zwar ist bekannt, dass in dem Gebiet des Bayou St. John zwischen dem Mississippi und dem Lake Pontchartrain die Choctaw-Indianer beheimatet waren, doch konnte bislang keine ihrer Siedlungen im Stadtgebiet von New Orleans nachgewiesen werden.

1718 gründete Jean Baptiste La Moyne, Sieur de Bienville, die Stadt und legte ihre Straßen im für Neugründungen typischen Gittermuster an. Doch zunächst wollten nur wenige Menschen in die ungesunde Sumpflandschaft ziehen; das Straßengitter blieb zu großen Teilen leer. So auch das Grundstück an der Conti Street. Es diente einem Haus an der gegenüberliegenden Chartres Street als üppiger Garten. Erst als 1763 die Spanier kamen, entstand auf dem Gelände eine Residenz, die wahrscheinlich 1794 wieder abbrannte. Dem Gebäude folgte bald der erste Hotelbau. Das Grundbuch der Stadt nennt die Witwe Margaret Clark Chabaud als Käuferin für das Anwesen im Jahr 1796, sie betrieb dort bis 1809 eine respektable Pension.

New Orleans war inzwischen eine boomende Stadt – 1810 mit 10000 Einwohnern bereits die fünftgrößte der Vereinigten Staaten. Von den Fremden, die nach New Orleans reisten, stiegen wohl viele in dem Gebäude in der Conti Street ab, das die Witwe Chabaud und ihre Töchter mal als Kaffeehaus, mal als Hotel an verschiedene Betreiber vermieteten. Mit den Menschen kam die Sehnsucht nach Vergnügen. Das House of the Rising Sun bediente auch diese Nachfrage.

Nach dem Brand ersetzte ein Steinhaus die vorherige Holzkonstruktion – und das fragwürdige Etablissement. In der Folge operierte an der Stelle unter den Namen Richardson’s Hotel, Conti Hotel und Verandah Hotel wieder eine ehrwürdige Herberge. Sie wich einer Hemdenfabrik, später wurde eine Zuckerfabrik daraus. Und mit dem Siegeszug des Autos kam die Garage.

Jetzt stellt sich noch die Frage, was Bluejeans im Lied zu suchen haben

So schön und schlüssig die Geschichte des House of the Rising Sun bis hier auch klingen mag, man sollte sich doch noch einmal die weiteren Strophen des Liedes anhören. »My mother she’s a tailor«, heißt es da in Strophe vier, »she sold those new blue jeans.« Die gab es aber erst, als auf dem Grundstück an der Conti Street längst nicht mehr Prostitution, sondern Zuckerproduktion das Leben versüßte. Das Patent für diese neuen Hosen aus blauer Baumwolle mit den Metallnieten an reißgefährdeten Stellen wurde erst am 20. Mai 1873 an Levi Strauss und Jacob Davis erteilt.

Bleibt der Archäologie, nach anderen berühmten Häusern der Musikgeschichte zu forschen. »On a dark desert highway« harrt da noch das Hotel California seiner Entdeckung.

 
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