Gerhard Schröders Probleme möchte im Augenblick keiner haben, doch in einem Punkt nimmt sich seine Lage beinahe luxuriös aus: Sein Denken kreist um die Frage, wie er am besten seinen Job loswird, was keine einfache Frage ist, denn seit Lafontaine tritt man als Chef-Sozi nicht feige zurück. Nach Helmut Schmidt möchte man auch nicht warten, bis einen die Partei meuchelt, und seit Heide Simonis darf man sich auf keinen Fall vom Stuhl kratzen lassen.

(Der Wähler rätselt, in was für eine fragwürdige Substanz sich der Sozialdemokrat zuvor verwandelt haben muss, bis er vom Stuhl gekratzt werden kann. In einen Kaugummi? Einen Sahnetoffee - oder in etwas Unsägliches?) Jedenfalls sind eine Menge Leute von Schröders Kunst des stilvollen Verschwindens auf ganz andere Weise beeindruckt. Sie müssen mit verschwinden, obwohl sie bleiben möchten: Die Farbe wechselt (wahrscheinlich).

Und auch wenn der Kanzler beteuert, er wolle wiederkommen, argwöhnen viele emsige Völkchen in Ministerien, Ämtern, Fraktionen und Parteien, dass es für sie nach dem 18. September ein Wiedersehen nicht geben werde. Der Mensch ist ein treuer Kamerad, solange man ihn in gemächlichem Tempo mittrotten lässt.

In diesen Tagen geht es aber arg schnell, während an Ministerialen, Referenten, Regierungsangestellten nun einmal auch Familien und Träume hängen, Urlaubs- und Karrierepläne, das ganze Gewicht des Lebens, welches plötzlich den Fliehkräften eines Turbowahlkampfes ausgesetzt wird.

Regierungsverlierern stehen immer auch Regierungsgewinnler gegenüber, wir kennen das von der Globalisierung.

Aber der politische Apparat in Berlin ist im Grunde nicht auf Beschleunigungsstress eingerichtet. Die Sommerferien fallen dieses Jahr aus, man wird schon froh sein, wenn am Wochenende das Telefon schweigt. Bei den Grünen zum Beispiel hat nun die offene Feldschlacht um Listenplätze begonnen, die Unersetzbarkeitsshow vor den Landesparteitagen, während eine klitzekleine Programmkommission eine klitzekleine politische Idee zu finden sich müht. An Wahlkampf hat im Grunde niemand Zeit zu denken. In Panik fallen einem andere Sachen ein: Soll man morgen früh noch ein Haus kaufen, wenn die Eigenheimzulage nach einem schwarzen Kassensturz wegfällt? Wohin verschwinden ich und meine Abteilung, wenn das Ministerium neu geschnitten wird? Es heißt, das Versorgungskarussell beginne sich etwa eineinhalb Jahre vorm Ende der Legislaturperiode zu drehen. Dann werden Stellen in den Behörden besetzt, und die Personalabteilungen entfristen Arbeitsverträge zuhauf. Zu spät, das Karussell ist gelähmt, so schnell kann es sich gar nicht mehr drehen.

Bloß die Volksvertreter haben gut lachen. Wenn die zweite Legislaturperiode länger als zwei Jahre gedauert hat, ist die Rente sicher.