Die Europäische Zentralbank (EZB) ist auf gutem Weg, sich ins ökonomische Abseits zu manövrieren. Wo sie Inflationsgefahren wittert, drohen in Wirklichkeit fallende Preise. Wo sie Wachstum prognostiziert, herrscht Stillstand. Und wo sie spekulative Blasen ortet, wie etwa an den Rentenmärkten, haben die Anleger längst ihr Urteil gefällt: Mit dieser Geld- und Finanzpolitik ist eine neue, tiefe Rezession in Euroland ungleich wahrscheinlicher als jedes noch so schwache Wachstum. Kein Wunder, dass die Ignoranz der Notenbanker im Frankfurter Eurotower – ihr Mantra heißt: "Der nächste Zinsschritt geht nach oben" – immer heftigere Kritik provoziert.

In ungewöhnlich scharfem Ton griff zuletzt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Zinspolitik der EZB an. Ihre Volkswirte verlangen eine Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent. Nur so könne das Wachstum in Euroland stimuliert werden. Damit schließt sich die OECD den Forderungen anderer renommierter Adressen an; unter anderem hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) angesichts der schwachen wirtschaftlichen Verfassung Europas nach der Hilfe der Zentralbank gerufen.

Natürlich muss Jean-Claude Trichet, der Präsident der EZB, nicht auf den IWF hören. Er ist schließlich für die Geldpolitik verantwortlich und beschäftigt Hunderte von Volkswirten. Das Problem ist nur, dass die EZB in ihren Analysen nicht mehr ergebnisoffen zu sein scheint und keine überzeugenden Argumente für ihre Position vortragen kann. Sie hat sich in die Ecke treiben lassen.

Seit Monaten diskutiert der EZB-Rat nur noch die Frage, wann er endlich die Zinsen erhöhen kann – unverständlich angesichts immer schwächerer Wirtschaftsdaten. Die OECD schätzt das Wachstum in Euroland für dieses Jahr nur noch auf magere 1,2 Prozent, und auch die EZB dürfte ihre Wachstumserwartungen wieder einmal reduzieren. Und Inflationsgefahren sind beim besten Willen nicht zu erkennen. Die Kerninflationsrate für Euroland, also ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Nahrungsmittel, liegt nur noch bei 1,4 Prozent. Selbst diese Zahl ist durch staatlich verordnete Preissteigerungen wie bei der Tabaksteuer nach oben verzerrt.

Wie lautet der Auftrag der EZB? Sie hat für Preisstabilität zu sorgen. Ist diese gewährleistet, muss sie die Wirtschaftspolitik unterstützen. Nähme die Bank ihren Auftrag ernst, käme sie um eine Senkung daher gar nicht herum. Stattdessen zieht die EZB drei Verteidigungslinien ein, die bei näherem Hinsehen schwach und widersprüchlich sind.

Erstens fürchtet sie, dass sinkende Notenbankzinsen die Geldmenge weiter aufblähen und damit spekulative Blasen an den Finanzmärkten befördern. Die Anleihekurse würden dann steigen, die Marktzinsen fallen. Zweitens glaubt Notenbankchef Trichet, dass noch niedrigere Notenbankzinsen das Vertrauen in die EZB schwächen könnten. In diesem Fall würden die Zinsen der länger laufenden Anleihen steigen, was die Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen verschlechtern würde und damit dem Wachstum im Wege stünde.

Das Problem: Letzteres Argument ist weder durch die Reaktion der Finanzmärkte auf EZB-Entscheidungen gedeckt, wie unlängst die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs nachgewiesen hat. Noch passt sie zur ersten Sorge spekulativer Blasen. Denn die Marktzinsen können als Reaktion auf niedrigere Notenbankzinsen entweder fallen oder steigen, aber nicht beides auf einmal.

Und die dritte Verteidigung? Die Notenbankzinsen seien historisch auf einem Rekordtief, damit könnten sie dem Wachstum gar nicht im Wege stehen, heißt es in Frankfurt. Doch wie die amerikanische Notenbank gezeigt hat, kann man den Zinssatz auch auf ein Prozent senken, um die Wirtschaft zu befeuern (siehe Grafik). Oder man muss ihn auf null Prozent senken, wenn die falsche Geld- und Finanzpolitik ein Land wirtschaftlich ruiniert – wie in Japan geschehen.