Eine Kanzlerin Merkel hätte in einer vollkommen umgepflügten europäischen Landschaft zu agieren, mit einem schwer angeschlagenen französischen Präsidenten, vom Herbst an wohl mit einer konservativen, nationalistisch angehauchten Regierung in Polen. Bereits im Sommer steht die EU ohne mittelfristigen Haushalt für die Jahre 2007 bis 2013 da. Die neue Bundesregierung wird keine europapolitische Schonzeit haben.

Die rot-grüne Außenpolitik ist im Großen und Ganzen populär; anders als in den Wirtschafts- und Sozialfragen hat die Öffentlichkeit nicht den Eindruck, es seien Probleme liegen geblieben. Von Angela Merkel wissen die Leute nur, dass sie vor dem Irak-Krieg eng mit George Bush war (das gefiel nicht) und dass sie die Türken nicht in der EU haben will (das gefällt). Eine unionsgeführte Regierung würde aber das ganze Erbe der von Schröder und Fischer aufgemischten Außenpolitik anzutreten haben. Der fragwürdige Bruderbund mit Putin und das vorerst gestoppte Rütteln am Waffenembargo gegen China, die Kampagne für einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat und die fragile Scheinversöhnung mit Bushs Amerika – aus der deutschen Außenpolitik schauen in Wahrheit lauter lose Enden hervor, und man möchte wissen, wie die Union sie zusammenknüpfen würde.

Bei der CSU und bei eingefleischten EU-Integrationspolitikern gibt es die Neigung, gegen allzu viel Ost- und Südosterweiterung der Europäischen Union anzugehen – gegen die Türkei, ein wenig auch gegen Rumänien und Bulgarien. Aber keine seriöse Regierungspartei kann es sich erlauben, den Grundsatz pacta sunt servanda umzustoßen, im Fall der Türkei breitet sich eine Art Zuversicht aus, dass sich die Sache von selbst erledigen werde: Der lädierte Chirac fällt als Vorkämpfer des Beitritts so gut wie aus, in der Türkei stagnieren die Reformen, am Ende könnten Brüssel wie Ankara gleichermaßen auf die "privilegierte Partnerschaft" zurückkommen, die die Union propagiert.

Den Wahlkampf heil zu überstehen ist eines. Aber dann? Das außenpolitische Personaltableau der Union gibt keine rechte Antwort auf die interessanten konzeptionellen Fragen. Es gilt als wahrscheinlich, dass das Auswärtige Amt wieder an die FDP gehen könnte, vielleicht auch an Edmund Stoiber, von dem auf diesem Feld wenig mehr bekannt ist als seine anfallartige Europa-Skepsis, die Schirmherrschaft für die deutschen Vertriebenen und seine fühlbare Ängstlichkeit in der Irak-Frage im Wahlkampf 2002. Früher, bevor der große Sowohl-als-auch-Politiker Helmut Kohl solche Gegensätze versöhnte, standen sich in der Union zwei Denkschulen gegenüber: die frankreichfreundlichen "Gaullisten" und die auf Amerika fixierten, auch probritischen "Atlantiker". Der letzte richtige Nachfahre der "Gaullisten", der Kerneuropa-Theoretiker Karl Lamers, gehört schon diesem Bundestag nicht mehr an. Im nächsten wird auch der alte Recke des Atlantikertums fehlen, Kohls früherer Verteidigungsminister Volker Rühe.

Das Programm lautet zunächst: "So nicht" und "Zurück"

Spuren des gaullistisch-atlantischen Gegensatzes finden sich noch. Friedbert Pflüger, der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, ist der Mann Amerikas, am ehesten so etwas wie ein deutscher Neokonservativer, empfänglich für Bushs Vision von der globalen Ausbreitung der Demokratie. Das unterscheidet ihn vom hartgesottenen Rühe, der mit Weltmissionen wenig anfangen kann. Die Liebe zu Frankreich ist in der Union getrübt durch Chiracs Bündnis mit Schröder, das hat den "Gaullismus" einstweilen parteipolitisch unmöglich gemacht. Aber Leute mit mehr kontinentaleuropäischen Neigungen und größerer Distanz zu britisch-amerikanischer Weltpolitik gibt es – nicht nur die professionellen EU-Experten wie Peter Hintze, auch Wolfgang Schäuble gehört dazu, trotz aller Umsicht, mit der er nichts auf das atlantische Bündnis kommen lässt. Am Ende werden die Philosophie-Differenzen nicht entscheidend sein. Auf die Kanzlerin kommt es an.

Das Programm lautet zunächst "So nicht" und "Zurück". So nicht, natürlich, wie Schröder mit den USA umgesprungen ist: Im Irak nicht dabei zu sein gilt in der Union inzwischen als goldrichtig; den lauten Protest, die aktive Lobbyarbeit gegen Amerika im Weltsicherheitsrat hält man nach wie vor für einen Sündenfall. Von einem Iran-Abenteuer der USA würde man sich leiser distanzieren, aber distanzieren würde man sich. Wer mit den Iran-Politikern in der Unionsfraktion, Ruprecht Polenz von der CDU und Karl-Theodor zu Guttenberg von der CSU, redet, der merkt, dass sie zwar eine gemeinsame Politik mit Amerika wollen. Aber die geradezu manische Berührungsangst Washingtons mit Teheran halten sie für falsch.

"So nicht" heißt: keine "Achse" ParisBerlin–Moskau, keine freihändige Mittelmachtpolitik – den Sicherheitsratssitz will die Union mehrheitlich auch. "So nicht" bedeutet, dass man Putin keinen "lupenreinen Demokraten" genannt hätte und im deutsch-russischen Verhältnis etwas mehr Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der Balten und Polen nehmen würde. Das heißt nicht, dass im Gespräch mit Putin stets von Tschetschenien und vom Rechtsstaat die Rede wäre; als ewige Großmacht und aktueller Energielieferant hätte Russland von einer Regierung Merkel keinen neuen Kalten Krieg zu befürchten. Union und FDP halten der jetzigen Regierung zwar gern ihre Diktatorennähe vor, wie es früher, in ihrer Oppositionszeit, die Grünen gegenüber der Kohl-Regierung getan haben. Aber eine missionarische Menschenrechtspolitik würde nicht stattfinden, auch nicht im Verkehr mit China. Vielleicht wäre, ein Fortschritt, die China-Politik nicht mehr bloß eine Sache von Handelsreisen, sondern der europäisch-amerikanisch koordinierte Umgang mit einer aufsteigenden Weltmacht. Es spricht ja auch dagegen, das Waffenembargo im Streit mit Amerika aufzuheben, das in der Straße von Taiwan und im ganzen östlichen Asien die Sicherheitsbalance hält.