Wenigstens ein Argument von EU-Handelskommissar Peter Mandelsohn ist unbestritten: Der zum Wochenbeginn frisch entflammte Flugzeug-Handelskrieg könnte zum "längsten, teuersten und kompliziertesten Prozess der Geschichte der Welthandelsorganisation (WTO)" werden. Am 13. Juni nimmt ein Schiedsgericht bei der WTO seine Arbeit auf, um über europäische Subventionen für Airbus zu beraten – eine europäische Klage gegen Hilfen für Boeing liegt ebenfalls vor. Europäer wie Amerikaner beteuern treuherzig, dass sie Opfer sind und nicht Täter: dass die Subventionen für "ihren" Flugzeughersteller lediglich der Abwehr von unfairen Handelspraktiken ihrer Partner dienen.

Die Krux: Europäer und Amerikaner verstehen unter "handelsverzerrenden Subventionen" jeweils (zweckdienlich) etwas anderes. Die US-Klage richtet sich überwiegend gegen "Starthilfen" von EU-Staaten für die Entwicklung neuer Airbus-Flugzeugmodelle. Das sind billige Kredite, die zurückgezahlt werden müssen – sofern sich das Flugzeug gut verkauft. Jetzt sollen zum Beispiel 1,3 Milliarden Euro "Starthilfen" für das geplante A350-Flugzeug von Airbus anlaufen, eine Konkurrenz zum "Dreamliner" Boeing 787. "Unter diesen Umständen können wir nicht verhandeln", erklärte in Washington ein hoher Handelsbeamter und forderte die Rückzahlung bisheriger EU-Subventionen durch Airbus.

Das passt schlecht zur Sicht der Europäer. Boeings Dreamliner wurde vom Airbus-Konsortium als das "meistsubventionierte Flugzeug aller Zeiten" bezeichnet. Europäer wollen zudem indirekte Hilfen mitrechnen, die Boeing in größerem Maße erhält als Airbus. Dazu gehören Subventionen für Zulieferer, auffällig großzügige Kontrakte vom Militär oder Geld von einzelnen US-Bundesstaaten. Nach europäischer Rechnung hat Boeing in den vergangenen 13 Jahren 29 Milliarden Dollar erhalten, Airbus 3,7 Milliarden.

Dass Amerika klagt, ist weniger als aufrechte Entrüstung zu interpretieren denn als Schachzug. Es mag auch die Kalkulation dahinterstehen, dass direkte Subventionen – falls das WTO-Schiedsgericht die EU-Darlehen zu solchen erklärt – leichter nachzuweisen sind als die vielen indirekten Hilfen für Boeing. Oder es mag ein Spiel auf Zeit sein. Ein WTO-Verfahren wird schätzungsweise zweieinhalb Jahre dauern. Eine freundschaftliche Einigung, die Subventionen auf beiden Seiten zu kürzen, hätte Boeing womöglich stärker benachteiligt – und zum Verzicht auf vielfältige Hilfen genötigt. Die jetzt angekündigten Hilfen für den A350 dürfte durch den Handelsstreit jedenfalls nicht gestoppt werden.