Mütter wissen eben doch am besten, was für ihre Kinder richtig ist. "Irgendwie erschreckend", sagt Kurt von Hammerstein und lacht. Seit einem halben Jahr ist der 31-Jährige Besitzer einer Buchhandlung – genau das hatte ihm seine Mutter schon als kleinem Jungen vorausgesagt. "Ich war einfach nicht vor die Tür zu kriegen und habe mir den ganzen Tag Fantasy-Romane reingezogen", erzählt er.

Jetzt sitzt er vor 96 Regalmetern voller Bücher in seinem Laden "Hundt Hammer Stein" in Berlin-Mitte, ist glücklicher denn je und sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal einen Job haben würde, für den ich jeden Morgen gern aufstehe." Sein Studium in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft habe ihn hauptsächlich frustriert, "weil man da nie wirklich nah an einem Buch dran war".

Nach dem Abschluss kamen perspektivlose Praktika in der PR-Branche, quälende Call-Center-Jobs und die Ahnung, dass "irgendwas mit Medien" wohl doch kein glückbringendes Berufsziel für ihn sein konnte. Und schließlich die Erkenntnis, dass Mutters Weissagung auch immer sein heimlicher Traum war. Im vergangenen Jahr hat Kurt von Hammerstein ihn endlich umgesetzt und zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Cecily von Hundt einen Buchladen eröffnet.

"Weniger kreditwürdig als ein Massagesalon"

Literaturwissenschaftler lieben Bücher. Und genau hier liegt das große Frustpotenzial für Studenten: Germanistik oder Romanistik sind fast überall Massenfächer, viele Studenten sind enttäuscht darüber, wie wenig sie tatsächlich mit Literatur zu tun haben. "In meinem ersten Semester ging es gleich mit Adorno los", sagt Kurt von Hammerstein. "Ich hätte gern viel mehr Texte gelesen, anstatt gleich mit so viel Literaturtheorie einzusteigen." In einem eigenen Buchladen sehen viele eine Alternative zur Arbeitslosigkeit nach dem Studium, aber vor allem einen Weg, endlich wieder mit dem zu tun zu haben, was sie einst für ein Literaturwissenschaftsstudium begeistert hat: ihrer Bücherleidenschaft.

"Einen Schub an potenziellen Neugründungen" beobachtet Dorothea Redeker vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die kostenlose Gründerberatung, die der Verband auf der Leipziger und Frankfurter Buchmesse anbietet, ist seit dem vergangenen Jahr völlig überlaufen. "80 Prozent der Interessenten sind keine gelernten Buchhändler, sondern Studenten und Quereinsteiger, die sich einen Traum erfüllen wollen oder eine Alternative zu Hartz IV suchen", sagt Redeker. Auch die Landesverbände bieten Gründerberatungen an, in denen immer öfter Literaturwissenschaftsstudenten sitzen. Trotz des großen Interesses ist die Zahl der tatsächlichen Neugründungen jedoch eher rückläufig. Nur etwa 80 neue Mitgliedschaften verzeichnete der Börsenverband im Jahr 2004.

Der Buchhandel zählt nicht gerade zu den krisenfesten Branchen. Auch wenn das Schiller- und Einsteinjahr 2005 dem Deutschen Buchhandel wohl eine leicht positive Bilanz bescheren wird, sind besonders kleine Läden von Insolvenz bedroht. Und wer eine eigene Buchhandlung aufmachen will, kommt ohne Eigenkapital nicht weit. "Wir hatten uns um Kredite bemüht", sagt Kurt von Hammerstein. "Aber bei der Bank sagte man uns nur, Buchhändler stünden in der Kreditwürdigkeit noch unter den Massagesalons." Also warfen er und Cecily von Hundt ihr Erspartes zusammen; Kurt von Hammerstein hatte außerdem Glück und gewann in einer Fernsehquizshow – insgesamt haben sie 60000 Euro in ihren Laden gesteckt. Und damit sind sie nach der Einschätzung des Börsenvereins noch recht gut weggekommen. Freunde halfen beim Design und bei der Renovierung, die beiden künftigen Ladenbesitzer schraubten tagelang Regale zusammen. Ob sich der Aufwand lohnen wird? "Kann man frühestens nach einem Jahr abschätzen", sagt von Hammerstein. Er hat alles durchkalkuliert, und bisher steht der Laden finanziell ganz gut da.

"Der größte Stolperstein auf dem Weg zum eigenen Buchladen ist mangelnde kaufmännische Kenntnis", sagt Dorothea Redeker. Der Börsenverein prüft jedes Gründungsvorhaben genau, bevor er eine Mitgliedschaft und eine Verkehrsnummer für das Zahlungssystem der Verlage vergibt. Ohne gut durchkalkulierten Businessplan rät Redeker von einer Gründung ab. "Das ist ein knallhartes Geschäft", sagt sie, "nur ein Faible für Bücher zu haben reicht nicht. Wer es schaffen will, braucht kaufmännischen Biss, und den erhält man nicht automatisch durch ein literaturwissenschaftliches Studium."