Bevor sie wurde, was sie ist, hat sie einiges einstecken müssen: wurde verschrien als "Laberfach", belächelt als kleine Schwester der Soziologie, abgeschrieben als Hort ewiger Weltrevolutionäre, die viel Meinung, aber wenig Nutzen produzieren, verspottet als ein Studium, das vor allem diplomierte Taxifahrer hervorbringt. Aber die deutsche Politikwissenschaft hat aller Kritik zum Trotz zu sich selbst gefunden, sich als eigenständige Universitätsdisziplin etabliert, die im internationalen Vergleich gut dasteht. Rund 350 Professuren gibt es heute, 25.000 Hauptfachstudenten, noch einmal so viele im Nebenfach. Das Fach ist so stark nachgefragt, dass fast alle Magister- und Diplomstudiengänge mit einem hohen Numerus clausus belegt sind. Die Berufsaussichten der Absolventen mögen zwar nicht die besten sein, sie sind aber wesentlich besser, als viele denken.

Doch noch eine Erfolgsgeschichte also, könnte man sagen. Nur, dieser Erfolg könnte bald Geschichte sein, glaubt man den jüngsten Kassandrarufen.

Die kommen von Hubertus Buchstein, Professor an der Universität Greifswald. Gemeinsam mit seinem Kollegen Cord Arendes hat er eine Studie zur Zukunft der Politikwissenschaft an Deutschlands Universitäten verfasst. Die Autoren sehen darin das Ende der Politikwissenschaft nahen. Die Gründe dafür sind, grob zusammengefasst: Das Fach vergreist, bis 2009 gehen nahezu zwei Drittel der Professoren in den Ruhestand. Für den Nachwuchs kein Grund zur Freude, denn, zweiter Grund: In Zeiten allgemeiner wissenschaftspolitischer Sparmaßnahmen werden freie Stellen nicht neu besetzt, sondern gestrichen. Dritter Grund: Im Zuge der Europäisierung der Universitäten kommt es zur Einführung neuer spezialisierter und transdisziplinärer Studiengänge, die die Politikwissenschaft zerfleddern. All dies zusammen nehme das Fach, so Arendes und Buchstein, "in einen Zangengriff, der die Politikwissenschaft als eigenständige Disziplin im Kern bedroht".

Die Berufsverbände der Politologen sind aufgeschreckt, die deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) und die Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft haben eine Task-Force gegründet, um den Dingen auf den Grund zu gehen. "Es ist gut, dass es diese Studie gibt", sagt Klaus Dieter Wolf, Professor an der TU Darmstadt und Vorsitzender der DVPW, aber sie sei doch "sehr alarmistisch". Eine Umfrage unter den Instituten habe eine "eindeutige Entwarnung" ergeben, bei weitem stünden nicht so viele Stellen auf dem Spiel wie in der Studie prophezeit.

Ein Risiko sieht Wolf allerdings schon: Man müsse bei der Umstellung auf die neuen Studiengänge Bachelor und Master darauf achten, dass das Kerncurriculum geschützt werde. Sonst gehe die Fachidentität verloren, und die Disziplin als Ganze könne sich nicht mehr reproduzieren. Die DVPW hat dazu Empfehlungen zu einem Kerncurriculum herausgegeben, wie die umgesetzt werden, bleibt den Universitäten überlassen. Zu diesem Kern gehören: Politische Theorie, Politische Systeme, Internationale Beziehungen, Methoden. "An manchen Standorten bangen wir dabei um die politische Theorie", sagt Frank Nullmeier, Professor an der Universität Bremen.

Jürgen Falter, Professor an der Universität Mainz, sieht in der "BAisierung", wie er es nennt, noch ein weiteres Problem. "Das führt zu einem starken Ansteigen der Prüfungsbelastungen. Und das geht zulasten der Forschung. Die Universitäten werden zu Fachhochschulen."

Es wäre nicht die erste Prüfung, die die Politikwissenschaft in Deutschland überstanden hat. Schon in den siebziger Jahren drohte das Fach an dem unversöhnlichen Streit zwischen drei verschiedenen Theorieschulen zu zerreißen. Von den jeweiligen Anhängern wurden sie als der allein gültige Pfad zur Erkenntnis betrachtet. Lehre und Forschung waren so stark politisiert, dass ein Artikel aus der Politischen Vierteljahresschrift von 1979 wegen dieser Ideologisierungstendenzen gar die Selbstliquidierung der Disziplin voraussah.

Die Krise der Politikwissenschaft in den Siebzigern machte sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. "Politologen galten als Rote Zellen der Weltverbesserung, Unternehmen dachten, sich mit denen nur Sand ins Getriebe zu holen", sagt der DVPW-Vorsitzende Wolf. Der Bochumer Politologe Wilhelm Bleek zitiert in seiner Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland einen Satz von Helmut Schmidt aus dem Jahr 1968, der die damalige Stimmung recht prägnant zusammenfasst: "Wir haben zu viel Soziologen und Politologen. Wir brauchen viel mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft auch nützen."