Jonas lag ihm. Nicht Kassandra, deren Warnungen zum Trotz das antike Troja doch unterging, sondern der biblische Jonas war ein Wesen nach seinem Geschmack. Oder, wie der Schriftsteller, der öffentliche Intellektuelle, der schöpfungsfromme Katholik Carl Amery selbst es im Buch Klimawechsel ausdrückte, das er mit dem Solarexperten Hermann Scheer und der ZEIT-Journalistin Christiane Grefe verfasst hat: Kassandra, sagte er, hatte Recht. Aber Jonas verkörperte einen Prophetentyp, dem ich selbst hoffe anzugehören. Denn Jonas, den Gott beauftragte, die lasterhafte Stadt Ninive zur Umkehr zu bewegen, predigte im Indikativ. Mit Erfolg. Die Niniviten nahmen Vernunft an. Was lernen wir von Jonas und den Niniviten?, fragte Amery. Dass wir im Indikativ reden müssen: Ihr geht unter!

Carl Amery, ein Professorensohn und bayerisches Urviech zugleich, sprachwitzig, humanistisch gelehrt und sinnenfroh, stand in der klassischen Tradition des poeta vates, des dichtenden Sehers. Als Autor machte sich der spätere Vorsitzende des Schriftstellerverbands und Präsident des PEN-Zentrums, der auch zur Gruppe 47 gehörte, mit zeitkritischer Prosa wie dem Roman Der Wettbewerb (1954) einen Namen, als Verfasser polemischer Streitschriften wie Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute (1963) arbeitete er am Gewissen der Republik. Der industriefreundlichen SPD Helmut Schmidts kehrte er 1974 den Rücken und wurde zum Vordenker der grünen Partei, der er noch zu Beginn dieses Jahres, bereits schwer krank, zu deren 25. Geburtstag in alter Frische die ökologischen Leviten las. Seit über einem halbem Jahrhundert verheiratet, Vater von fünf Kindern mit gut katholischen Namen, war Amery eine Verkörperung des linken Wertkonservatismus, den die Gegenwart inzwischen gern als altmodisch belächelt.

Der wissenschaftlich getriebenen Industriekultur lastete er an, dass sie in ihrer Lebensgier den Tod verdrängt habe und so den kollektiven Selbstmord vorbereite. Für ihn selbst, der noch hochbetagt in kalte Bergseen sprang, gehörte das Ärgernis, das der Tod bedeutet, zum Leben des Christenmenschen.

Am 24. Mai ist Carl Amery im Alter von 83 Jahren gestorben.