Für mich ist Rainer Werner Fassbinders In einem Jahr mit 13 Monden der beeindruckendste Film der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er beginnt mit einer abgefuckten Frankfurter Parklandschaft, in der die Hauptfigur, ein Transsexueller in Strapsen und Frauenkleidern, von ein paar Strichern zusammengetreten wird. Noch weitere Bilder haben sich mir eingeprägt: Volker Spengler, der, nachdem er von seinem Freund verlassen wurde, in einem Spielsalon in der City einsam vor einem Flipperautomaten steht, während im Hintergrund ein Song von Roxy Music läuft, und ihm die Tränen über das geschminkte Gesicht rinnen. Später, in einem dieser anonymen Räume, aus denen das grausame, beziehungslose Universum dieses Films besteht, redet ein drogensüchtiger Bodybuilder, dessen Gesicht nicht zu sehen ist, über Freundschaft. Er habe, heißt es da, von einem Friedhof geträumt und sich gewundert, warum die Spannen zwischen Geburt und Tod auf den Grabsteinen nur so kurz seien. Die meisten umfassten nur ein halbes Jahr, manche nur wenige Monate. Bis ihm jemand gesagt habe, dass dies nicht die Lebenszeiten der Personen seien, sondern die Dauer ihrer Freundschaften. Die Stimme dieses anonymen Sprechers ist Fassbinders. Er schrieb das Drehbuch nach seiner eigenen zehnseitigen Erzählung und führt auch die Kamera. Jede einzelne Sekunde trägt seine Handschrift.

Der Film hatte eine nachhaltige Wirkung auf mich. Seine Stimme blieb mir im Ohr, und manchmal bin ich beim Schreiben in den Tenor dieser Stimme verfallen, weil sie mir so nahe war. Auch die Geschichte ist faszinierend: Vor langer Zeit begegnete die Hauptfigur des Films in einem Lokal einem Mann, in den er sich sofort unsterblich verliebt. Er weiß, er würde alles für ihn tun. Als würde der andere ahnen, dass dies so ist, macht er im Verlauf des Gesprächs eine hingeworfene Bemerkung: "Ja, wenn du eine Frau wärst, dann könntest du mir gefallen." Worauf die Hauptfigur des Films dies für bare Münze nimmt und sich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht. Das alles ist lange her, wenn der Film beginnt. Der Mann ist längst aus dem Leben der Hauptfigur verschwunden, er ist zu einem der reichsten Makler des Landes geworden, unerreichbar für die Hauptfigur, die in den Frankfurter Parks aus Einsamkeit mit dem Bodensatz der Gesellschaft zu tun hat. Man könnte sagen, dass die Moral dieser Parabel darin besteht, dass jene, die eine übergroße Sehnsucht haben, an der Gesellschaft leiden, an ihrem Geiz, ihrer Kleinlichkeit zugrunde gehen. Dass die schönsten Seelen und empfindsamsten Geister dazu verdammt sind, unterzugehen in einer Gesellschaft, die noch immer von Schuldkomplexen und Neid beherrscht ist.

Man redet oft über gesellschaftliche Relevanz und vermisst sie in heutigen Filmen. Aber wahrscheinlich gibt es eben nur wenige, die wie Fassbinder den Kern einer Gesellschaft persönlich erfühlen können, dabei so enorm kreativ sind und noch dazu einen so breiten Einfluss auf so viele Leute in so kurzer Zeit entwickeln – und diese Leute nennt man halt Genies.