Alice setzt derzeit alles daran, die Deutschen zu verführen. Wer sich auf sie einlässt, bekommt zwei Monate zum Preis von einem. Natürlich, ohne sich binden zu müssen. Alles in allem, das rechnet die Werbung vor, spare man mehr als 200 Euro, wenn man "Alice Super 1500" oder "Alice Super 5000" buche – einen der schnellen DSL-Internet-Zugänge der Hamburger Telefongesellschaft Hansenet. Noch liegt die Telekom weit vorn bei den schnellen Internet-Anschlüssen. Doch die Verfolger holen auf BILD

Mit ähnlichen Versprechen locken auch andere Internet-Anbieter, etwa 1&1, Freenet und Arcor. Die DSL-Branche liefert sich eine Werbeschlacht von bisher ungekanntem Ausmaß. Ausgefochten wird sie auf Plakatwänden, in ganzseitigen Zeitschriftenanzeigen und im World Wide Web. Internet-Surfer dürfen sich freuen: Noch nie war die Eintrittskarte für das weltweite Netz so billig. Einmalige Anschlussgebühren sind Vergangenheit, nagelneue Modems gratis. Und so genannte Flatrate-Tarife, mit denen man ohne Limit surfen kann, sind seit Anfang des Jahres auf bis zu fünf Euro gefallen.

Hinter dem erbitterten Preiskampf steht die Erkenntnis, dass die jetzige Schlacht wohl den Krieg entscheidet. "Wer auf Dauer Geld mit DSL-Anschlüssen verdienen will, muss jetzt möglichst viele Kunden gewinnen", sagt Marcus Sander, Telekommunikationsexperte beim Bankhaus Sal. Oppenheim. "In den nächsten ein bis eineinhalb Jahren entscheidet sich, wer zu den Siegern und wer zu den Verlierern gehören wird." Der Markt bereitet sich auf einen neuen Ansturm vor: Schätzungen besagen, dass die Zahl der DSL-Anschlüsse in Deutschland von heute rund 7 auf 14 Millionen im Jahr 2008 steigen werden, das jährliche Marktvolumen wachse von 2,1 auf 4,2 Milliarden Euro. Um einen möglichst großen Anteil daran zu bekommen, rüsten sich Internet-Unternehmen jetzt mit einer neuen Strategie für den Kampf mit der mächtigen Deutschen Telekom.

DSL steht für Digital Subscriber Line – und heißt im Prinzip nichts anderes, als dass die gute alte, oft schon vor Jahrzehnten verlegte Telefonleitung zum schnellen Internet-Zugang aufgemotzt wird. Dazu ist es lediglich notwendig, ein spezielles Modem in die Telefondose zu Hause einzustöpseln und die Vermittlungsstelle in der Nachbarschaft aufzurüsten. Die Kupferleitung dazwischen, die so genannte letzte Meile, bleibt unangetastet. Möglich wird das, weil die DSL-Erfinder in den neunziger Jahren entdeckt haben, dass für Telefongespräche jahrzehntelang nur ein Bruchteil der vorhandenen Leitungskapazität genutzt wurde – das Telefonkabel war wie eine vierspurige Straße, von der lediglich der Standstreifen befahren wurde. Die DSL-Technik erlaubt es nun, über die restlichen Spuren Daten verkehren zu lassen. Web-Seiten, E-Mails und Musikstücke sausen mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 16 Megabit pro Sekunde durch die betagten Leitungen. Bei diesem Tempo lässt sich zum Beispiel die Bibel in zwei bis drei Sekunden, eine komplette DVD in 40 Minuten aus dem Internet herunterladen. Kein Wunder, dass immer mehr Datenreisende auf der Überholspur unterwegs sein wollen.

Im Gerangel um Marktanteile gerät die Deutsche Telekom immer stärker unter Druck. Noch beherrscht sie das Geschäft mit dem schnellen Internet. Etwa 83 Prozent aller DSL-Zugänge waren Ende 2004 so genannte T-DSL-Anschlüsse. Das liegt vor allem daran, dass das Bonner Unternehmen als Ex-Monopolist noch immer die letzte Meile besitzt. Da es sich für Konkurrenten mit eigenen Datennetzen wie Hansenet, Versatel oder Arcor nicht lohnt, für jeden Anschluss neue Kabel zu ziehen, müssen sie dieses letzte Stück Leitung von der Telekom mieten. Ihre Internet-Zugänge vermarkten sie dann meist nur im Komplettpaket mit einem Telefonanschluss. Für die Kunden bedeutet das mehr Aufwand. Bestellen sie einen DSL-Anschluss bei der Telekom-Konkurrenz, müssen sie dort in der Regel auch gleich Telefonkunde werden. Mit einem zusätzlichen Nachteil: Zwar werben die Alternativ-Anbieter mit niedrigen Monatsgebühren, die Minutenpreise für Telefonate sind jedoch oft nicht so günstig. Und Billigvorwahlen, wie man sie als Telekom-Kunde benutzen kann, funktionieren nicht. Das schreckt viele.

Kampflos gibt die Telekom ohnehin keinen Kunden auf. Als 1&1-Vorstand Ralf Dommermuth Anfang des Jahres verkündete, 30 bis 50 Millionen Euro in Infrastruktur investieren und eigene DSL-Anschlüsse in Ballungsräumen vermarkten zu wollen, schlug das im Bonner Hauptquartier der Telekom wie eine Bombe ein. Zum einen, weil 1&1 bisher als wichtiger Partner der Deutschen Telekom galt, der T-DSL-Anschlüsse unter eigenem Namen weiterverkauft und sein Geld vor allem mit dem Datenverkehr seiner Kunden verdient. Zum anderen, weil sich andeutete, dass 1&1 von einem in Deutschland bislang vernachlässigten Prinzip Gebrauch machen wollte, dem so genannten Line Sharing.

Dabei macht sich der Internet-Dienstleister mit eigener Netztechnik in den Vermittlungsstellen der Telekom breit. Von dort bis in die Wohnung ihrer Kunden mietet er dann aber nur jene Kapazität auf der letzten Meile, die er für den Internet-Zugang braucht. Der Kunde kann seinen Telefonanschluss also bei der Telekom lassen, hat aber einen DSL-Anschluss der Konkurrenz.

Dieses Geschäftsmodell kann sich für reine DSL-Anbieter auszahlen. Erstens birgt es die Chance, mehr zu verdienen als nur mit dem Weiterverkauf der Telekom-DSL-Anschlüsse. Denn die Telekom zahlt dafür laut Branchenschätzungen nur Provisionen zwischen 11 und 14 Prozent. Zweitens beträgt die Monatsmiete für die halbierte letzte Meile bei der Telekom nur 2,43 Euro, während die komplette letzte Meile 10,65 Euro kostet. Und drittens verschafft die Strategie den Rivalen mehr Freiraum – sie können zum Beispiel selbst entscheiden, wie schnell ihre Anschlüsse sind. All das, so rechneten die Analysten von Sal. Oppenheim vor, hätte den Durchschnittsgewinn pro DSL-Kunde bei 1&1 trotz hoher Anfangsinvestitionen verdoppeln können.