Finanzmarkt Schuldenrepublik DeutschlandSeite 2/2
Oder handelt es sich bei der Anleihe um eine Spekulation des Finanzministers auf einen weiter fallenden Dollar und damit auf künftig geringere Schulden? Die Antwort ist enttäuschend trivial: Die Bundesregierung ahmt lediglich das nach, was andere Staaten wie England, Italien oder Schweden längst vormachen. Sie nutzt günstige Finanzierungsmöglichkeiten an den internationalen Kapitalmärkten, um Zinsen zu sparen. »Es ist zur Zeit billiger, das Geld in Dollar aufzunehmen als in Euro. Und das ohne Währungsrisiko«, sagt Gerhard Schleif, der oberste Schuldenmanager des Bundes. Auf rund 30 Millionen Euro werden die Einsparungen über die fünfjährige Laufzeit geschätzt.
In Frankfurter Finanzkreisen gilt die Dollar-Anleihe als großer Erfolg der jungen Finanzagentur des Bundes. Finanzminister Eichel rief sie im Jahr 2000 ins Leben und entmachtete damit die konservative Bundesbank, die sich immer gegen Emissionen in ausländischer Währung gesträubt hatte, genauso wie gegen den Einsatz kurzfristiger Schuldtitel und Derivate. Das kostete den Steuerzahler unnötiges Geld, war aber der starken Stellung der Notenbank geschuldet. Erst die Europäische Währungsunion verrückte die Koordinaten: Die Bundesbank war nicht mehr für die Geldpolitik der zweitwichtigsten Währung der Welt zuständig, weshalb viele Argumente gegen ein modernes Schuldenmanagement an Gewicht verloren.
Die Fähigkeit von Staaten, sich in eigener Währung zu verschulden, hat einen unschlagbaren Vorteil: Der Staat ist immer zahlungsfähig, zur Not druckt er das Geld, um seine Schulden bezahlen zu können. Finanzkrisen à la Argentinien oder Russland können nicht passieren. Doch ist der Euro anders als die D-Mark keine »eigene« Währung mehr – Deutschland kann ja nicht allein entscheiden, neue Banknoten zu drucken. Doch nicht nur die Gemeinschaftswährung macht es leichter, in fremden Bondmärkten zu emittieren. Auch die modernen Derivatemärkte, an denen Optionen, Futures oder Swaps gehandelt werden, helfen dabei, die Risiken zu minimieren. Zum Beispiel das Währungsrisiko. Ganz gleich, wie sich der Wechselkurs des Euro zum Dollar in den kommenden fünf Jahren ändert, der Bund zahlt die Schuld zu heutigen Kursen zurück. Er hat sich zwar in Dollar verschuldet. Über drei hintereinander geschaltete Zins- und Währungstauschgeschäfte (Swaps) ist aus dem Dollar-Bond aber de facto eine Euro-Anleihe geworden.
Kein Schuldner bekommt so gute Konditionen wie Deutschland
Das einzige Risiko, das die Schuldenagentur neu eingegangen ist: Ihr könnte der Gegenpart abhanden kommen. Was passiert, wenn einer der Swap-Partner in fünf Jahren nicht mehr existiert? »Für diesen Fall werden Sicherheiten der Partnerbanken verlangt«, sagt Schleif. Sowie der Dollar gegenüber dem Euro gewinnt, der Bund ohne Tauschgeschäft also mehr zurückzahlen müsste, muss der Tauschpartner Sicherheiten in Form von Geld hinterlegen. Daran kann sich der Bund im Fall von Zahlungsschwierigkeiten des Tauschpartners schadlos halten.
Die Dollar-Anleihe wird nicht die letzte sein. »Die Struktur steht. Wir können jederzeit wieder günstige Konstellationen an den Zins- und Derivatemärkten nutzen«, sagt Schleif. 215 Milliarden Euro Kredit nimmt der Bund in diesem Jahr auf, aber dennoch wird der amerikanische Markt nur eine Nische bleiben. Erstens würden sich die Konditionen in Dollar bei deutlich größeren Summen verschlechtern. Zweitens gilt das Hauptaugenmerk weiter der Verschuldung in Euro. Hier ist der Bund so etwas wie der Platzhirsch: Kein anderer Schuldner bekommt günstigere Konditionen. Damit das so bleibt, muss Deutschland auch künftig möglichst viele, möglichst große Anleihen begeben.
- Datum 02.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.06.2005 Nr.23
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