Als hätten sie es geahnt. Gerade noch rechtzeitig bevor die US-Regierung auf Druck des Erzrivalen Boeing bei der Welthandelsorganisation WTO Klage gegen angeblich ungerechtfertigte Subventionen für den geplanten Airbus A350 einreichte, einigten sich die Gesellschafter von Airbus auf einen neuen Chef des europäischen Flugzeugherstellers: Mit Gustav Humbert wird erstmals ein Deutscher an die Airbus-Spitze rücken und dort Noël Forgeard beerben, der wiederum als Co-Vorstandsvorsitzender an die Doppelspitze der Airbus-Muttergesellschaft EADS aufrückt.

Damit ist ein langwieriges Gezerre hinter den Kulissen beendet, mit dem der ehrgeizige und machtbewusste Forgeard Humberts Aufstieg verhindern wollte.

Dabei gilt der vor 55 Jahren im niedersächsischen Celle geborene Maschinenbauingenieur Humbert fachlich als hoch kompetent: Schließlich kann er 25 Jahre einschlägige Erfahrung in der Branche vorweisen. Im Jahr 1980 startete seine Karriere beim Hamburger Flugzeugbau, später leitete er das Hamburger Airbus-Werk und zog ein hartes Sanierungsprogramm ("Dolores") bei der deutschen EADS-Vorgängergesellschaft Dasa durch. Zuletzt saß Humbert bereits als Forgeards Vize im Vorstand von Airbus im französischen Toulouse.

Die Lösung für die lähmenden Führungsquerelen des europäischen Luft-und Raumfahrtkonzerns EADS und der mit Abstand wichtigsten Tochter Airbus beschleunigte der französische Wirtschaftsminister Thierry Breton. Auf seine Initiative hin hatten sich die beiden Chefaufseher der Airbus-Mutterfirma EADS, Manfred Bischoff und Arnaud Lagardère, vergangene Woche in Paris getroffen. "Die Diskussionen sind in gutem Einvernehmen geführt worden", heißt es bei der EADS in Paris. Allerdings könnte Humberts Bestellung dazu führen, dass der unterlegene französische Kandidat für die Airbus-Spitze, der 61-jährige Gérard Blanc, bislang rechte Hand von Forgeard im Vorstand und dessen Wunschkandidat, das Unternehmen verlässt.

Als neuer Co-Chef von EADS – zusammen mit dem Deutschen Thomas Enders – wird Forgeard freilich auch Vorgesetzter von Humbert, weil es bei der binational geführten EADS die Berichtsmethode des "Cross-Reporting" gibt. Danach ist der Deutsche dem französischen Vorstand rechenschaftspflichtig, was im umgekehrten Fall ebenfalls gelten würde. Auslöser des Streits um die Besetzung der Airbus-Spitze war der Führungskonflikt in der EADS. Dort hatte der erfolgreiche Airbus-Chef Forgeard – unter dessen Ägide es gelang, beim Absatz von Ziviljets den Erzrivalen Boeing zu überrunden – schon seit langem die deutsch-französische Doppelspitze als ineffizient kritisiert.

Nicht zuletzt aufgrund seiner Aktivitäten hatten die beiden EADS-Chefs Philippe Camus und Rainer Hertrich ihre Verträge nicht mehr verlängert. Doch Forgeards Kalkül, allein die Macht im größten europäischen Luft- und Raumfahruunternehmen zu übernehmen, scheiterte. Als er die Berufung von Enders zu seinem Co-EADS-Chef nicht verhindern konnte, wollte er wenigstens vorübergehend auch noch Airbus leiten.

Das aber wollten DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp und dessen "Delegierter" im EADS-Aufsichtsrat, Manfred Bischoff nicht. Die Stuttgarter halten genauso wie ihre französischen Partner (Staat und die Unternehmensgruppe Lagardère) jeweils gut 30 Prozent der EADS-Anteile. Und in den EADS-Gründungsverträgen ist der Einfluss der Großaktionäre fein austariert.

Allerdings wollen die Franzosen jetzt ein neues Co-Direktorium direkt unter Forgeard und Enders einrichten, um die deutsch-französische Machtbalance zu sichern. Dazu sollen der EADS-Direktor Jean-Paul Gut zusammen mit Hans Peter Ring, dem deutschen Finanzchef der EADS, berufen werden. Es gehe um eine größere Ausgewogenheit in der Führung, heißt es dazu in der Pariser Zentrale. Dabei gilt die Administration aufgrund des Proporzsystems jetzt schon als schwerfällig. Der Vorsitz im Aufsichtsrat und im Vorstand der EADS ist jeweils doppelt mit je einem Mann der deutschen und französischen Großaktionäre besetzt. Bei den wichtigsten Sparten wie Airbus, Eurocopter, Verteidigung oder Raumfahrt werden die Topjobs zwar nicht doppelt, aber streng nach Länderproporz verteilt. Nach der Berufung von Gustav Humbert werden zukünftig jeweils zwei der vier wichtigsten EADS-Sparten von Franzosen respektive Deutschen geleitet.