Der Mensch hat kein Schicksal. Jedenfalls kein eigenes. Andererseits kann er dem Schicksal nicht ausweichen. Und das Schicksal eines großen Romans der Weltliteratur besteht darin, verfilmt zu werden. Da machen die Parzen der Filmindustrie auch beim Roman eines Schicksallosen keine Ausnahme. Und weil der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész sich im Genre der Unausweichlichkeit bestens auskennt, hat er vor einigen Jahren zu seinem Jahrhundertroman ein Drehbuch geschrieben (Schritt für Schritt, 2002). "Ob das die beste Entscheidung ist", hieß es damals im Vorwort, "ist freilich keinesfalls sicher."

Heute weiß man, es war mit Sicherheit nur die zweitbeste Entscheidung. Denn der Film von Lajos Koltai, der durchaus getreu nach diesem durchaus passablen Drehbuch gedreht wurde, ist ein peinlich berührender Edel-KZ-Film geworden, ein Elendsbilderbogen der Luxusklasse, der dem Geist des Romans widerspricht, obwohl er seine Geschichte genauestens rapportiert. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Zum einen ganz einfach dadurch, dass man einen Film nicht aus der reinen Ich-Perspektive drehen kann. Imre Kertész ist zu Recht besonders stolz darauf, dass in sein Romanuniversum kein einziger Blick, kein Wort von außen fällt. Der Holocaust ist nicht darstellbar, "die industrielle Liquidation von sechs Millionen Menschen", heißt es im Drehbuch, "ist nicht vorstellbar, und es verbietet sich, sie vorstellbar zu machen". Der Roman macht nichts vorstellbar oder anschaulich, er ist ein Höhlengleichnis, der Leser muss sich begnügen mit dem Holocaust, der wahrnehmbar ist im Bewusstseinsbrunnen eines fünfzehnjährigen Budapester Jungen. Das ist beklemmend und großartig.

Die Kamera jedoch verlässt diesen Brunnen, der ihr wenig Opulentes zu bieten hat, und begibt sich an die Oberfläche der Filmwirklichkeit, wo die Panflöten schon flöten und die Regen- und Lichtmaschinen sie erwarten. Sie liefert sich dem Dekor aus. Sie produziert schöne Bilder. Das ist für einen Film, der 10 Millionen Euro wiedereinspielen muss, nichts Ungewöhnliches. Doch da dieser Film im Wesentlichen in den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald und Zeitz spielt, kann man das ästhetizistische Plaisir am Schrecklichen nicht mit der üblichen Resignation vor dem Kulturkommerz durchwinken.

Kertész selbst erinnert in einer Vorbemerkung im Drehbuch an den Konsens darüber, dass die Qualen der Holocaust-Opfer im Film nicht darstellbar seien. Dieser Konsens sei außer von Steven Spielberg stets eingehalten worden. Er erinnert an den Shoa- Film von Claude Lanzmann und an Andrzej Wajdas Landschaft nach der Schlacht, die beide nicht in die Falle eines "Holocaust-Sentimentalismus" tappten. Und er verteidigte in der ZEIT die Holocaust-Komödie Das Leben ist schön von Roberto Benigni. Seinen eigenen "Verstoß" gegen das Abbildverbot rechtfertigt er damit, dass er nicht den Holocaust, sondern den Weg eines Menschen durch das Lager zeigen wolle, wobei es ihm keineswegs um "die Illusion der Authentizität", sondern einzig um "Treue, Lakonie und die düstere Pracht der Unverziertheit" gegangen sei, die "der Trauer von Millionen würdig ist".

Düstere Pracht, ja, so kann man zur Not noch nennen, was dann unter Auferbietung von einigem darstellerischen Pathos (das besonders im Fall der jungen Aktricen in einem grausam kaugummiartigen Munterkeitsgetriller synchronisiert wurde) und einer aufwändig agierenden Gewandmeisterei in Szene gesetzt wurde. Zunächst der Abschied vom Vater im kleinbürgerlichen jüdischen Budapester Milieu, das Warten, das Suppentellerklappern, die verhaltenen Tränen, die kauzigen Traditionsjuden aus der Nachbarschaft, das beschwichtigende "Alles halb so schlimm, gleich wieder vorbei"-Getue. Dann die Verhaftung des Helden auf dem Weg zur Arbeit, wieder das Warten, die Bombenangriffe, die Besserwissereien der selbst ernannten Experten, die plappernde Fassungslosigkeit der kleinen Leute, das melancholische Brüten der Alten, die überforderten lokalen Ordungsmächte, die zappeligen Jungen. Und immer wieder das Warten, die quälende Ereignislosigkeit mitten in der Tragödie. All das ist kurz, knapp und lakonisch und durchaus gelungen.

Der Kitsch beginnt im KZ. Hier entfernt sich der Film von allem, was er erzählen will, dem Helden, seinen Gefühlen, den Menschen um ihn herum, und hebt ab in gestylte Panoramen, Lichtinstallationen, Genrebilder, Choreografien. Auf dem Appellplatz schwanken die Häftlinge zum Violinenklang wie Gräser im Wind, und wenn der Junge des Nachts einsam im Gegenlicht durch Matsch und Regen zur Latrine wankt, ist’s wie ein Stück aus der Backlist des Berliner Ensembles. Große KZ-Oper.

Am meisten vermisst man den jungen Helden und sein anrührendes Komplott mit der Logik der Lagers. Im Roman eines Schicksallosen besteht seine den Leser schier um den Verstand bringende Überlebensstrategie darin, sich in die Sichtweise der Täter einzufühlen, das KZ-Leben Schritt für Schritt anzunehmen, zu beteuern, "ein bißchen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager", und am Ende gar vom "Glück der Konzentrationslager" zu sprechen. Diesem erschütterndem Kunstgriff verdankt der Roman seinen Weltruhm.