Aufgabe dieser Kolumne ist es, Menschen, die betriebsbedingt wenig Zeit haben, das Wesen der Wahrheit nahe zu bringen. Im Gegensatz zum Tier, das naturgemäß über mehr Zeit verfügt, diese aber nicht sinnvoll nutzt, hat der Mensch viele tausend Jahre lang über die Wahrheit nachgedacht. Die erste Erkenntnis lautet: Ein Mensch ist keine Fliege. Obwohl die Fliege mit dem Kopf drauf stößt, kann sie die Wahrheit nicht erkennen. Immer wieder prallt sie vor eine unsichtbare Fensterscheibe und fällt ohne Erkenntnis sichtbar tot herab. Einem Menschen kann das nicht passieren. Ihm steht die unsichtbare Wahrheit sichtbar vor Augen. Betrachten wir nur die Mehrwertsteuer. Alle Parteien behaupten, die Mehrwertsteuer werde nicht erhöht, dabei wissen alle, dass dies nach der Wahl als Erstes geschehen wird. Nur die Fliege wittert hier einen Widerspruch, nicht aber der Mensch. In Wirklichkeit verhält es sich nämlich mit der Wahrheit wie mit der Fensterscheibe: Sie ist unsichtbar, aber doch vorhanden. Je dichter man dran ist, desto weiter scheint sie entfernt. Oder denken Sie an Hartz IV. Nur Fruchtfliegen glauben, diese Reform habe sich die SPD einfach so ausgedacht. Tatsächlich war der Gedanke längst unsichtbar vorhanden und wartete wie die Fensterscheibe auf seine schmerzhafte Entdeckung. Auch die vorgezogenen Neuwahlen sind nichts, was Gerhard Schröder hätte erfinden müssen. Sie lagen hinter dem Schleier der Zeit als zwingende Notwendigkeit bereit, und der Kanzler musste nur mit der Nase drauf stoßen. Das gilt auch für den Aufstieg von Frau Angela Merkel aus der Unscheinbarkeit ihres gewöhnlichen Daseins ins Sichtbare der Politik. In Wahrheit war Frau Merkel bereits unsichtbar zur Kanzlerin gewählt, als sie noch nichts davon wusste. Gemäß dem Gesetz von der unsichtbaren Wahrheit verhält es sich mit ihrem künftigen Abstieg genau andersherum. Alles ist schon da, es muss nur noch geschehen. Auch Außenminister Fischer ist in Wirklichkeit bereits wieder schlank, obwohl sein Körpergewicht dies aktuell noch kräftig verbirgt. Seine gute Figur ist anwesend im Maße ihrer scheinbaren Abwesenheit. Philosophen sprechen hier von der Selbstbewegung der Wahrheit, die im langen Lauf durch die Weltgeschichte zu sich selbst kommt. Nur Fliegen zweifeln an diesem Gesetz. Am Ende sind sie zwar genauso mausetot wie der Mensch, aber sie wissen gar nicht, was sie alles verpasst haben. Schade eigentlich.