Wenn hierzulande Fisch auf den Teller kommt, dann meist Alaska-Seelachs. Er macht mehr als ein Drittel der 14 Kilogramm Seafood aus, die jeder Deutsche jährlich im Schnitt verspeist. Mal als Fischstäbchen oder Filets aus der Tiefkühltruhe, mal als Teil eines Fertiggerichts. Seit den achtziger Jahren ist die Sorte immer beliebter geworden, gilt sie doch als fettarm, billig und einfach zu verarbeiten. Das Problem dabei: Alaska-Seelachs wird nicht nur im amerikanischen Teil des Beringmeers und im Golf von Alaska gefangen, wo die Bestände als sicher gelten – sondern auch in russischen und chinesischen Gewässern, wo sie überfischt und existenziell bedroht sind. Die Käufer können aber bislang nicht erkennen, ob sie ihre Mahlzeiten einem schonenden Fischfang oder einer rücksichtslosen Ausbeutung der Meere verdanken.

Das ändert sich jetzt. Vor einigen Wochen wurde Alaska-Seelachs aus amerikanischer Produktion das Gütesiegel des Marine Stewardship Council (MSC) verliehen. Der vergibt die einzige internationale Auszeichnung für nachhaltiges Fischen und macht damit deutlich, dass sich wirtschaftliche und ökologische Interessen selbst bei industrieller Massenproduktion verbinden lassen.

Vom Sommer an soll das ovale blaue Logo des MSC zum Beispiel auf sämtlichen Fischstäbchenpackungen von Iglo prangen. Damit bekommt die in London ansässige Organisation einen mächtigen Partner, denn Iglo beherrscht in Deutschland knapp 20 Prozent des Marktes für Tiefkühlfisch. Jährlich verkauft die Tochtergesellschaft des britisch-niederländischen Unilever-Konzerns Fischstäbchen für 32Millionen Euro. Unilever hatte den Marine Stewardship Council bereits vor acht Jahren gemeinsam mit der Umweltorganisation WWF gegründet – aus der Erkenntnis heraus, dass die fortschreitende Überfischung der Weltmeere nicht nur der Umwelt schadet, sondern auch der Fischindustrie.

Seit 1999 ist der MSC jedoch unabhängig und finanziert sich aus Spenden. "Im vergangenen Jahr waren vier Prozent aller Fischereien der Welt von uns zertifiziert. Wir hoffen, dass es in zehn Jahren vielleicht 15 bis 20 Prozent sind", sagt MSC-Geschäftsführer Rupert Howes. "Dass jetzt die amerikanischen Seelachs-Fischer aus Alaska an Bord sind, ist für uns ein großer Schritt."

Was verlangt das Siegel? Erstens darf der Fischbestand durch die Fangflotten nicht gefährdet werden. Zweitens darf das Ökosystem in den Fischgründen nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Und drittens müssen Management und Kontrolle der Fischerei so effektiv sein, dass all das keine leeren Versprechen bleiben.

Im Falle des Alaska-Seelachses im amerikanischen Teil des Beringmeers decken sich diese Anforderungen mit dem Profitinteresse der Fischer. Eineinhalb Million Tonnen dürfen sie jedes Jahr mit ihren Schleppnetzen aus dem Wasser ziehen. Die Fangquote liegt damit etwa ein Viertel unter der wissenschaftlich ermittelten Grenze, über der die Bestände bedroht wären. Schon das ist außergewöhnlich, schließlich sind nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO bereits drei Viertel aller Fischgründe weltweit bis an die Grenze des Verträglichen bewirtschaftet, überfischt oder sogar leer geräumt.

Oft wird Alaska-Seelachs direkt an Bord von bis zu 100 Meter langen Fang- und Fabrikschiffen filetiert, zu Blöcken gepresst und tiefgefroren, um daraus später Fischstäbchen zu sägen. Im Beringmeer ist die Zahl der Schiffe allerdings nicht nur gesetzlich begrenzt, jedes Schiff hat auch einen festen Anteil an der Fangquote. Das verhindert eine besonders schädliche Form des Wettbewerbs: die Strategie der Fischer, möglichst schnell möglichst viel zu fangen, bevor die Gesamtquote ausgeschöpft ist.

Ohne diese Regeln würde zwangsläufig mehr Beifang in den Netzen landen. Was das bedeuten kann, hat die rücksichtslose Jagd nach Kabeljau Ende der siebziger Jahre im Nordatlantik gezeigt: Um so viel Fisch an Land bringen zu können, nahmen die Fischer in Kauf, mehr Beifang als eigentliche Beute aus dem Meer zu ziehen. Kurze Zeit später brachen nicht nur die Kabeljau-, sondern auch viele andere Fischbestände zusammen. Und bald darauf die Fischindustrie.