Es ist ein Zeichen des nahenden Endes, wenn Politiker sich um ihr Bild in der Geschichte zu kümmern beginnen. So war es einst bei Helmut Kohl. So ist es heute bei Joschka Fischer. Der Bundesaußenminister hat erst vor ein paar Monaten öffentlich eingeräumt, ein politisches Tier seines Schlages interessiere sich schon dafür, wie die eigene Rolle einmal bewertet werde.

Seither ist Joschka Fischer politisch in rasantem Tempo gealtert. Und während er sich und seine Partei gerade auf sein nächstes Heldenstück als Wahlkampflokomotive einstimmt, steht die Frage, was von ihm bleiben wird, schon auf der Tagesordnung. Joschka ist Geschichte titelte die taz neulich. Da war er gerade zum grünen Spitzenkandidaten gewählt worden. Fischer reagierte prompt: mit einer neuen Fastenkur.

Können die Grünen sich als bleibende politische Kraft behaupten? Oder bedeutet das Ende ihrer prägenden Figur auch das Ende der Partei? Das ist die Frage, an der sich Fischers historisches Verdienst einmal bemessen wird. Er selbst hat diese Verantwortung immer wieder anklingen lassen. Doch je klarer sich die Frage nach der Zukunft der Grünen ohne Fischer stellt, umso irritierender agiert der Patriarch.

Statt eine Strategie zu entwickeln, wie er seine Partei aus der Konkursmasse des rot-grünen Projektes retten könnte, überantwortete sich der erste Grüne erst einmal ganz der Willkür des scheidenden Partners. Als Gerhard Schröder ihn von seinen Neuwahlplänen in Kenntnis setzte, formulierte Fischer zunächst brav seinen Widerspruch, um dem Kanzler gleich darauf zu garantieren, dass das keine Folgen haben werde. So fatalistisch, wie er gegenüber Schröder auftrat, so entschieden brachte er danach seine Partei auf Kanzlerlinie. Wie die Grünen in den Tagen nach der Neuwahlankündigung unter Fischers Anleitung den abrupten Wandel von konsterniertem Entsetzen zu fröhlicher Zustimmung inszenierten, so etwas kriegt man auf der politischen Bühne selten geboten: Fischer, Roth und Bütikofer traten vor die Presse und stellten ihr Einverständnis mit Schröders Coup zur Schau, mit dem der Kanzler ja nicht nur einseitig die Koalition gekündigt hatte, sondern zugleich die Grünen vor eine Existenzprobe stellt – ein Akt der Selbsterniedrigung.

"Ich kann ja dem Koalitionspartner schlecht unsere Position aufzwingen, wenn er die Situation anders einschätzt", hat Fischer dieser Tage in einem Interview der Süddeutschen Zeitung erklärt. Offenbar findet der Vizekanzler es selbstverständlich, den Koalitionspartner nicht mit der eigenen Position zu behelligen. Dass die SPD-Seite umgekehrt den Grünen ihren Entschluss aufzwingen kann, hält er hingegen allem Anschein nach für normal. Dabei blieb es nicht einmal bei diesem Affront. Während Fischer seine Grünen noch auf einen Wahlkampf für den Fortbestand der Koalition einstimmte, kündigten Kanzler und SPD-Chef bereits jede gemeinsame Wahlkampfperspektive. Daraufhin betonten nun auch die Grünen, man werde "auf eigene Rechnung" kämpfen. Doch die Scheidung geht weiter. Erst erklärte der SPD-Chef die Koalition für eine Art historischen Zufall, dann ließ der Kanzler erkennen, was er vom grünen Partner hält. Während er noch das Misstrauen suchte, mit dem er eine Vertrauensfrage im Parlament verlieren könnte, war zugleich schon die Drohung herauszuhören, die fiktiven Abweichler könnten zu realen Sündenböcken für das rot-grüne Ende gemacht werden. Selbst auf dieses infame Kalkül reagierte Fischer nicht. Während das Projekt, dem er seine gesamte politische Biografie gewidmet hat, gerade auf dem Müll der Parteiengeschichte landet, spielt Fischer grüne Einfalt. Die härteste Antwort an die SPD, zu der er sich hinreißen lässt, lautet: Ohne die Grünen kann Schröder nicht Kanzler bleiben.

Ist das noch der Joschka Fischer, den man kennt? Schlagfertig, bissig, arrogant? Da sucht Gerhard Schröder ohne Rücksicht auf die Grünen nach einem schnellen Weg aus dem Amt. Und der Vizekanzler stellt im Gegenzug die Verlängerung von Schröders Kanzlerschaft in Aussicht? Die Vasallentreue, die der grüne Spitzenkandidat derzeit an den Tag legt, weckt historische Reminiszenzen. "FDP wählen, damit Kohl Kanzler bleibt", so gingen 1994 die Liberalen auf Stimmenfang. Doch bei aller Entpolitisierung, irrational war die Strategie der FDP seinerzeit nicht. Sie schaffte die 5-Prozent-Hürde, Kohl bekam seine letzte Runde.

Die Grünen wirken zurzeit weniger aussichtsreich. Wo ist Fischers politischer Instinkt? Hält er die Würde seiner Partei für eine Marginalie, die sich der Koalitionsdisziplin opfern lässt – selbst wenn die faktisch schon nicht mehr fortbesteht? Er warne jeden, die Koalition "taktischen Spielchen" zu unterwerfen, hat Fischer gerade erklärt. An die Adresse seiner Grünen!

Aber gibt es niemanden, der Fischer in diesen entscheidenden Tagen widerspricht? Doch! Hinter vorgehaltener Hand. Gespräche mit grünen Spitzenleuten über Fischers Linie enden jetzt häufig in Ratlosigkeit oder Depression. Fischer hat niemanden aus der engeren Führung wirklich überzeugt. Aber keiner sagt ihm das ins Gesicht. Eher bemühen sich alle um Anschluss an das Fischer-Paradox: die Idee einer Neuauflage von Rot-Grün, während alle Welt sich längst auf eine Regierung Merkel einstellt.