Das war keine Wahlkampagne mehr, sondern ein politischer Horrorfilm, bei dem sämtliche Ängste der Franzosen geschürt wurden. Drei Monate lang war das Land von Schreckensbildern einer ausgebluteten Nation heimgesucht worden, die von Immigranten und Billigarbeitern ausgehöhlt und von der internationalen Marktkonkurrenz zerdrückt wird. Als am Sonntagabend der Wahlkampf um das französische Verfassungsreferendum vorbei war und sich auf der Place de la Bastille im strömenden Regen dreitausend Menschen zum Freudenfest versammelten, stand vielen noch der Schock und die Erschöpfung im Gesicht geschrieben. Auf der eilig zusammengezimmerten Bühne konnten Sprecher der Grünen, der Attac-Bewegung, der Sozialisten und Kommunisten noch gar nicht fassen, dass sie den Durchbruch geschafft hatten: Zehn Jahre lang haben wir auf diesen Tag gewartet, riefen sie, alle Politiker und Parteien waren gegen uns, die Medien haben uns verteufelt – doch wir haben, wie 1789, Frankreich gerettet.

Auch Staatspräsident Chirac hatte die große Revolution angerufen, als er wenige Tage vorher in seiner letzten Fernsehansprache die Verfassungsdebatte lobte: Sie sei ein Ausweis der "Ehre und Vitalität der französischen Demokratie" und stehe in der Tradition von 1789. Doch spätestens an diesem Abend wurde klar, dass der Präsident vollständig den Kontakt zur Außenwelt verloren hat. Noch in letzter Minute hatten ihn Publizisten und Politikberater händeringend gebeten, die Vertrauensfrage zur europäischen Verfassung von der zu seiner Person zu trennen – durch das Opfer, unabhängig vom Ausgang der Volksabstimmung sofort Neuwahlen auszuschreiben, um noch rechtzeitig die Fronten zu klären. Doch den Mut, sein politisches Schicksal aufzubieten und die Leute von einer Strafaktion abzuhalten, besaß Chirac nicht. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Der französische Staatspräsident hat in seinen vierzig Jahren als Politiker hundert Wahlkämpfe geführt, ein halbes Dutzend Referenden erlebt, war zweimal Premier, zweimal Präsident und ist mehrfach nach verheerenden Niederlagen wieder auferstanden. Doch im entscheidenen Moment verließ ihn sein Instinkt. Eigentlich hätte er schon 2004 nach drei innenpolitischen Wahlniederlagen und dramatisch abgestürzten Popularitätswerten wissen müssen, dass ihm zum gaullistischen Akt eines Verfassungsreferendums zweierlei fehlt: der Rückhalt in der Bevölkerung und die Statur eines de Gaulle, der tatsächlich nach einem gescheiterten Referendum zurücktrat.

Jetzt hat Chirac nebenbei auch diese heroische Präsidententradition ruiniert und als einziges Zugeständnis seinen treuen Premier Jean-Pierre Raffarin durch Innenminister Dominique de Villepin ersetzt. Unter dem Strich bleibt vom Lebenswerk des 72 Jahre alten Präsidenten nur übrig: Er hat die Konstruktion Europas zerbrochen, Frankreichs internationales Ansehen geschwächt und das Land gespalten.

Der Antiliberalismus hält das Lager der Europa-Skeptiker zusammen

Frankreich hat während der Referendumskampagne einen Aufstand gegen alles erlebt, was im Land bislang Autorität beanspruchte. Sämtliche Gewährsträger in Regierung, Parteien, Medien sowie angesehene Altpolitiker waren ausgezogen, um für die EU-Verfassung zu werben. Gegen diese Übermacht des Establishments schienen die Splittergruppen von der rechtsradikalen Nationalen Front über Dissidenten der sozialistischen Partei bis zu Globalisierungskritikern und Steinzeitkommunisten nichts ausrichten zu können. Und doch haben sie Millionen Menschen überredet, dass es für Frankreich das Beste sei, aus der europäischen Verfassungsprozedur auszusteigen. Nichts zeigt deutlicher, dass Frankreich eine Krise der Repräsentation erlebt.

Laut jüngsten Umfragen haben zwei Drittel der Wähler nicht gegen die Verfassung gestimmt, sondern aus Protest gegen die soziale und wirtschaftlichen Krise ihre verhasste Regierung abgestraft. Doch Chiracs verspätete Reflexhandlung, seinen Premier zu entlassen, der drei Jahre lang nichts anderes getan hatte, als alle Anweisungen des Präsidenten auszuführen, reicht nicht, um das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Zudem versperren ihm Wortführer der linken Nein-Kampagne diesen Fluchtweg mit Beifall von der falschen Seite: Die Regierung treffe keine Alleinschuld, weil ihre sozialschädlichen Sparprogramme überwiegend auf Brüsseler Druck zurückgingen. Auch rechte Wortführer versuchen eifrig, den Groll der Franzosen europäisch zu interpretieren: als nachgeholten Protest gegen die eigenmächtig beschlossene EU-Osterweiterung.

Der Antiliberalismus ist der gemeinsame Nenner des non- Lagers von der Nationalen Front bis hin zur Attac-Bewegung: Man dürfe Frankreich, heißt es in verblüffender Übereinstimmung, nicht ungeschützt den Stürmen der wirtschaftlichen, finanziellen und demografischen Globalisierung aussetzen. Das zielt auf die alles dominierende Angst vor Arbeitslosigkeit, vor der die Regierung schon seit Jahren kapituliert hat.