Sie ist die Vorzeigehochschule Russlands: die Moskauer Lomonossow-Universität. Doch vorzeigen kann man hier nur wenig. Während in manchen Labors tatsächlich Hochtechnologie Einzug gehalten hat, fehlen manchen Toiletten Türen, Brillen und Papier. Solche Gegensätze kennzeichnen die gesamte russische Forschungslandschaft. Jetzt soll sie reformiert werden. Von Elitebildung ist die Rede, von Vernetzung – und natürlich von Geld.

Die Regierung Putin will aufräumen. Denn in vielen wissenschaftlichen Einrichtungen wird viel zu selten Wissenschaft betrieben. Die meisten Universitäten konzentrieren sich auf die Lehre, Forschung findet in den Instituten der Russischen Akademie der Wissenschaft oder den Labors der Ministerien statt. Das sollte sie jedenfalls. Doch viele Institutsleiter halten sich nur über Wasser, indem sie ihre Räume in bester Lage von Moskau, St. Petersburg oder Jekaterinburg vermieten. Andere haben entdeckt, dass ihre Werkstätten neben maßgeschneiderten wissenschaftlichen Instrumenten auch simple, kommerziell erfolgreiche Massenware bauen können. Das Forschen haben viele Forscher in Russland längst aufgegeben. Das wissen auch die Forschungsfunktionäre. Doch das Aufräumen wollen sie nicht den Politikern überlassen, das wollen sie selbst tun.

Es wird höchste Zeit. In Russland fehlen junge Forscher (siehe Seite 40). Wissenschaft hat hier keinen guten Ruf. Nur 32 Prozent der Eltern würden ihrem Kind eine Karriere in der Forschung wünschen (in den USA sind es 80 Prozent). Kein Wunder, ein durchschnittliches Akademiemitglied verdient kaum mehr als 200 Euro. 1000 Euro müssten es schon sein, sagt Wladimir Troyan, Vizerektor der Universität St. Petersburg. Dann wachsen mehr Jungforscher heran. 2500 Euro wären besser, sagt Leonid Gokhberg, Vizerektor der Higher School of Economics in Moskau. Dann bestünde eine Chance, dass der Nachwuchs auch in Russland bliebe.

Mit Geld allein wird sich das System nicht reformieren lassen. Die Forschungsinteressen mögen aktuell sein, die meisten Strukturen haben noch aus Sowjetzeiten überdauert. Und ein modern anmutendes Karrieremodell zementiert die Verhältnisse: Russische Professoren müssen sich zwar alle fünf Jahre der Wiederwahl stellen, aber es gibt keine Altersgrenze. Weil die Wahl oft eine Farce ist, dürfen nun die Greise auf ihren Posten sitzen bleiben und die schwindenden Chancen der Jugend beweinen.