Grüner wird’s nicht

Premiere in Neumünster: Claudia Roth und Parteifreunde betrachten einen Kinofilm über die Glanzzeit der Umweltbewegung

Der Film trägt einen sperrigen Titel, Er heißt so, weil er von der Umweltbewegung der achtziger Jahre erzählt und weil Deutschland von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl genau an dem Tag erfuhr, am 29. April 1986, als im Fernsehen jene Folge der Serie zu sehen war, in der die Hauptfigur Bobby Ewing zu Tode kam. Im Film schauen die Umweltbewegten und sie streiten sich darüber, ob die Serie als imperialistisch zu verurteilen sei.

Der Kinofilm selbst fand ebenfalls ein außergewöhnlich passendes Publikum, am vorigen Freitag im großen Sitzungssaal der Stadthalle Neumünster. Die Delegierten des Landesparteitages der Grünen in Schleswig-Holstein sahen sich den Film an, zum Abschluss eines Sitzungstages, um 22 Uhr.

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Es ist ein westalgischer Film. So wie die Sonnenallee oder Good Bye Lenin! die DDR nachbauten, so baut dieser Film die alte BRD nach. Die Handlung: Ein Junge, Nils heißt er, zieht mit seiner Mutter in eine Landkommune in Schleswig-Holstein, hinein in eine Welt der Latzhosen, Urschreitherapien und Anti-Atomkraft-Lieder, eine Welt, mit der er nichts anzufangen weiß. Im Januar gewann der Film den Max-Ophüls-Preis, Regisseur Lars Jessen hatte ins Programmheft schreiben lassen: »Die 68er – unsere Elterngeneration – waren einfach mal dran.« Und diese Woche kommt der Film in die Kinos – was für ein Timing.

Wer erfahren will, wie es zum Filmstart um Rot-Grün steht, der musste nur eine Stunde vor Filmbeginn nach Neumünster kommen, als sich die Delegierten unter dem Tagesordnungspunkt »Generaldebatte« jeweils drei Minuten zu Wort melden durften: Hätte man einen Applausometer aufgestellt, so hätte der angezeigt, dass die Wut auf Rot ungefähr dreimal größer ist als die auf Schwarz. Die Grünen, das erfährt man draußen an den Stehtischen vorm Sitzungssaal, glauben kaum mehr daran, dass sie noch einmal die Bundesregierung mit bilden werden. Warum schauen sie sich gerade in dieser Stimmung einen Film an, der von ihren erfolgreichen Anfangsjahren erzählt? Weil die Gegenwart so schrecklich ist?

»Nein«, sagt der Vorstandssprecher der Grünen in Schleswig-Holstein, Robert Habeck, 35 Jahre, kinnlange blonde Haare, gebräunt, rosa Hemd. Erst seit zweieinhalb Jahren ist er in der Partei und dann nach oben durchgereicht worden, wie er es nennt. »Wir dachten uns, dass der Film eine heimelige Stimmung erzeugen könnte.« Die Sprecherin der deutschen Grünen im Europaparlament hatte den Film angeschaut und ihren Parteikollegen empfohlen. Sie haben auch einen Wettbewerb gestartet, Nichtmitglieder konnten im Internet Karten gewinnen: »Du sitzt mit Claudia Roth in der ersten Reihe«, stand auf dem Werbezettel.

Die Hälfte der Parteitagsgäste bleibt, um den Film zu sehen, 54 Delegierte. Bei einigen ging dem Entschluss zu bleiben einige Überzeugungsarbeit voraus: »Mensch, bleib doch. Der wurde in der taz gut besprochen.«

Um Viertel nach zehn, es ist ein bisschen später geworden, weil sich mehr Delegierte als erwartet ihren Ärger von der Seele redeten, baut Isabel Sadewasser, die Kampagnen- und Veranstaltungsreferentin, die Leinwand auf vor der Parteitagskulisse, die DVD wird eingelegt und mit einem Beamer projiziert. Claudia Roth springt nach vorn, um das Mikrofon des Rednerpultes nach unten zu biegen, damit das Publikum eine freie Sicht auf die Leinwand hat. Es ist ein wenig wie Filmeschauen früher im Biologieunterricht: Das Licht geht aus, und der Raum, den soeben noch Ernst und komplizierte Sachverhalte ausfüllten, verwandelt sich in etwas Kinoähnliches. Es gibt keine Einführung in den Film, weder der Regisseur noch Schauspieler sind nach Neumünster gekommen, die Grünen zu beehren. Der Landesvorsitzende rückt mit Claudia Roth zwei Stühle in den freien Gang zwischen der vordersten Tischreihe. So sitzen die beiden dort ein wenig verloren. Die erste Reihe bleibt fast leer, auch die Gewinner des Internet-Spiels finden weiter hinten ihre Plätze.

Als der Film beginnt, mit Bildern vom Atomkraftwerk Brokdorf, die auch einem Dokumentarfilm entstammen könnten, rücken einige Paare näher zusammen, Hände berühren sich. »So typisch!«, sagt ein Delegierter zu einer Delegierten. Und dann: »Genau so, genau so.«

Der Abend entwickelt sich aber doch nicht zu einem nostalgischen Abend, nie gleicht er einem Klassentreffen, das sich gerührt die Bilder von früher ansieht. Das liegt vor allem daran, dass der Film eine Komödie ist, deren Humor darin liegt, die Mitglieder der Umweltbewegung »Müslis« zu nennen und sie Sätze sagen zu lassen wie »Sag doch jetzt einfach mal, was du so empfunden hast«, Sätze, die in sehr ähnlicher Form vorhin auch in der Generaldebatte zu hören waren. Niemand lacht, als die Demonstranten im Film gemeinsam singen: »Wir wollen kei-nen Atom-müll. Wir wollen kei-ei-nen Atom-müll!« auf die Melodie von Wir wollen Frieden für alle. Und es ist ebenso still, als sich die Kommune über Menschen echauffiert, die Ameisenstraßen zertrampeln. Zu sehr schmerzt wohl noch die Hamsterdebatte in Nordrhein-Westfalen.

Erst nach und nach freundet sich der Parteitag mit dem Film an, es sind die unpolitischen Witze, die die ersten Lacher bekommen. Sie lösen die Beklemmung, und gegen Ende des Films wird sogar einmal sehr heftig gelacht, als ein Kommunenbewohner sagt, er trinke Getreidekaffee, denn Bohnenkaffee sei imperialistisch. Aber dann ist der Film auch schon zu Ende.

Claudia Roth wohnte Anfang der 80er in einer Kommune in Schleswig-Holstein, in der Kommune der Band Ton Steine Scherben, deren Managerin sie war. Es ist schon nach Mitternacht, als sie sich an die Zeit zurückerinnert, mit Freude offensichtlich, sie nennt zahlreiche Vornamen und vergleicht sie mit den Figuren des Films: die Naive, der verkappte Autoritäre. Sie sagt, sie habe auch sich selbst wiedergefunden in dem Film, in Nils, der sich anfangs schwer tut in der Kommune, und in einer Kommunardin, die engagiert dabei ist, die aber geht, als die Streiterei zu groß wird.

Ob das nicht ungünstig sei für die Grünen: Mitten im beginnenden schwierigen Wahlkampf auch noch ein Film, der sich über die Grünen lustig macht? Nein, sagt Claudia Roth, das Gegenteil sei der Fall. Der Film über den Kampf gegen die Atomkraft könne die Grünen nur motivieren. »Dieser Kampf geht ja weiter!« Sie sagt den Satz zweimal, als würde sie ihn auch zu sich selbst sagen.

Robert Habeck, der Landeschef, war nicht dabei in der Umweltbewegung. Er war Mitte der Achtziger Schülersprecher und hat Aludeckel gesammelt, mehr nicht. Im Hauptberuf ist er Schriftsteller, auf der Buchmesse ist er schon mal mit Florian Illies verwechselt worden, wie er erzählt. Er ist eher enttäuscht vom Film, er sagt, diese Figuren seien schon Mitte der Achtziger Klischee gewesen. Aber etwas Gutes habe der Film dennoch: »Er zeigt halt ein Lebensgefühl, das heute so ziemlich vergessen ist.«

 
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