Grüner wird’s nichtSeite 2/2
Der Abend entwickelt sich aber doch nicht zu einem nostalgischen Abend, nie gleicht er einem Klassentreffen, das sich gerührt die Bilder von früher ansieht. Das liegt vor allem daran, dass der Film eine Komödie ist, deren Humor darin liegt, die Mitglieder der Umweltbewegung »Müslis« zu nennen und sie Sätze sagen zu lassen wie »Sag doch jetzt einfach mal, was du so empfunden hast«, Sätze, die in sehr ähnlicher Form vorhin auch in der Generaldebatte zu hören waren. Niemand lacht, als die Demonstranten im Film gemeinsam singen: »Wir wollen kei-nen Atom-müll. Wir wollen kei-ei-nen Atom-müll!« auf die Melodie von Wir wollen Frieden für alle. Und es ist ebenso still, als sich die Kommune über Menschen echauffiert, die Ameisenstraßen zertrampeln. Zu sehr schmerzt wohl noch die Hamsterdebatte in Nordrhein-Westfalen.
Erst nach und nach freundet sich der Parteitag mit dem Film an, es sind die unpolitischen Witze, die die ersten Lacher bekommen. Sie lösen die Beklemmung, und gegen Ende des Films wird sogar einmal sehr heftig gelacht, als ein Kommunenbewohner sagt, er trinke Getreidekaffee, denn Bohnenkaffee sei imperialistisch. Aber dann ist der Film auch schon zu Ende.
Claudia Roth wohnte Anfang der 80er in einer Kommune in Schleswig-Holstein, in der Kommune der Band Ton Steine Scherben, deren Managerin sie war. Es ist schon nach Mitternacht, als sie sich an die Zeit zurückerinnert, mit Freude offensichtlich, sie nennt zahlreiche Vornamen und vergleicht sie mit den Figuren des Films: die Naive, der verkappte Autoritäre. Sie sagt, sie habe auch sich selbst wiedergefunden in dem Film, in Nils, der sich anfangs schwer tut in der Kommune, und in einer Kommunardin, die engagiert dabei ist, die aber geht, als die Streiterei zu groß wird.
Ob das nicht ungünstig sei für die Grünen: Mitten im beginnenden schwierigen Wahlkampf auch noch ein Film, der sich über die Grünen lustig macht? Nein, sagt Claudia Roth, das Gegenteil sei der Fall. Der Film über den Kampf gegen die Atomkraft könne die Grünen nur motivieren. »Dieser Kampf geht ja weiter!« Sie sagt den Satz zweimal, als würde sie ihn auch zu sich selbst sagen.
Robert Habeck, der Landeschef, war nicht dabei in der Umweltbewegung. Er war Mitte der Achtziger Schülersprecher und hat Aludeckel gesammelt, mehr nicht. Im Hauptberuf ist er Schriftsteller, auf der Buchmesse ist er schon mal mit Florian Illies verwechselt worden, wie er erzählt. Er ist eher enttäuscht vom Film, er sagt, diese Figuren seien schon Mitte der Achtziger Klischee gewesen. Aber etwas Gutes habe der Film dennoch: »Er zeigt halt ein Lebensgefühl, das heute so ziemlich vergessen ist.«
- Datum 02.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.06.2005 Nr.23
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