Ist es nicht komisch: Der Mann ist 62, gehört (ruhend) der CDU an, sieht aus, als denke er wie ein Finanzminister, gilt hinter den Kulissen als Choleriker und davor als Technokrat. Ich bin 30, Schriftstellerin, betrachte mich als links, sehe aus wie eine, mit der ein IWF-Chef kein Wort wechseln würde, und promoviere mit kritisch-völkerrechtlichem Ansatz über internationale Verwaltung in Krisenregionen.

Nun ist Erstgenannter vor einem Jahr mein Bundespräsident geworden - und fast immer, wenn er den Mund aufmacht, spricht er mir aus der Seele. Ja, Freiheit ist ein Wert, den es Tag für Tag neu zu bedenken und zu verteidigen gilt. Ja, etwas weniger Gejammer und mehr selbstbewusstes, frisches Zupacken wäre gut für die Deutschen. Montesquieus Aussage über die Schädlichkeit unnötiger Gesetze gehört zu meinen Lieblingssprüchen. Den Generalverdacht gegenüber dem Bürger als potenziellem Dummkopf und Verbrecher halte ich für gefährlich, und Schiller-Inszenierungen mit Fäkalgeschrei und blau gefärbten Perücken kann ich nicht mehr sehen.

Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Entweder die Generation, zu deren Vertreterin ich mich qua meines Alters hier einmal stilisieren möchte, ist jedenfalls in Teilen genauso kulturkonservativ verspießt, neoliberal verroht und finanzideologisch gehirngewaschen wie die Führungselite. Oder der Präsident verkörpert auf seine seltsam gesichtslose Art ein pragmatisches, unverblümtes, der parteipolitischen Zuordnung entzogenes Denken, das quer durch die Schichten der inneren und äußeren Gestimmtheit der Nation entspricht. In dubio pro me wähle ich die letztgenannte Lösung.

Also Köhler for president? Da sträubt sich was. Und dieses Sträuben, dieses Eigentlich hat er ja Recht, aber ... ist fast das Interessanteste am Bundespräsidenten. Ist er mit seiner effizienten Gesichtslosigkeit nicht der Prototyp des zeitgenössischen Menschen: leistungsorientiert, ideologiefrei, nutzenbezogen? Verkörpert er nicht die politische Haltung all jener, die mangels Parteizugehörigkeitsgefühl nicht mehr wissen, wen oder was sie wählen sollen? Haben wir nicht einfach das Staatsoberhaupt, das wir verdienen, und ist das nicht - gut?

Der Blick in den Spiegel ist kein angenehmer. Vielleicht wünsche ich mir heimlich jenen gutmütigen, bedächtig den Kopf wiegenden Vater-Staat-Präsidenten, der viel zu erzählen hat, wenig meint und der nun mit unserer guten, gemütlichen Bundesrepublik im Sterben liegt.

Möglicherweise wäre es aber an der Zeit, sich mit Köhlerscher Radikalehrlichkeit zu ihm zu bekennen - oder aufzuhören, seine Ansichten gut zu finden.