Den Arzt Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover suchen Patienten auf, die nichts mehr zu verlieren haben. Sie setzen alles auf experimentelle Behandlungen. Der Direktor der Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie wurde Ende vergangenen Jahres zum Pionier, als er einer Patientin mit einer zerstörten Leber die Zellen eines Spenders in die Pfortader spritzte. Die Frau, eine vom Knollenblätterpilz vergiftete Rentnerin, überlebte dank dieser neuen Technik.

Etwa 300 Menschen sterben jährlich in Deutschland, weil es für sie keine neue Leber gibt. Jedes Jahr geraten rund 1700 neue Patienten auf die Warteliste für eine Lebertransplantation, dem stehen nur 800 verfügbare Organe gegenüber, weil die Spendenbereitschaft kontinuierlich sinkt. Gleichzeitig steigt der Bedarf. Eine der wichtigsten Ursachen dafür sind die Hepatitis-C-Infektionen durch ungetestete Bluttransfusionen in der Vergangenheit und Drogenkonsum. "Bis 2020 erwarten wir eine große Zahl an Zirrhose-Patienten im Endstadium", sagt Manns. Weltweit bemühen sich Forscher, Ersatz für die knapp gewordenen Gewebe zu finden. Dabei verfolgen sie drei unterschiedliche Strategien: ein Leber-Dialyse-Verfahren; die Züchtung neuer Leberzellen und die Leberzellen-Gewinnung von Verstorbenen.

Internist Manns züchtet benutzte Leberzellen von Organen, die sich nicht mehr für eine Transplantation eignen. Um diese Zellen entsprechend aufzubereiten, sie unter sterilen Bedingungen einzufrieren und zu lagern, kooperiert Manns mit der Firma Cytonet, die langjährige Erfahrung im Umgang mit Zellen für Knochenmarktransplantationen hat. Die Partnerschaft hat dem Hannoveraner Professor auch Kritik eingebracht, weil er sich mit einem privaten Anbieter eingelassen habe, der mit der Dienstleistung Geld verdient. "Wir brauchen das Know-how und die Unterstützung, um diese Technik überhaupt zu ermöglichen", sagt Manns. Beim akuten Leberversagen darf keine Zeit verloren gehen: Die Todesrate beträgt 80 Prozent.

Gerade für die akuten Fälle scheinen die eingespritzten Leberzellen am erfolgversprechendsten zu sein. Die eingeschleusten Zellen unterstützen das kranke Organ, und oft kann sich das geschädigte Gewebe dann spontan wieder erholen. Ohne vorübergehende Unterstützung durch die infundierten Fremdzellen aber ist der Tod sicher. Sie bauen toxische Stoffwechselprodukte ab, bilden Eiweiße und Gerinnungsfaktoren. Sobald die Leber des Patienten wieder selbstständig funktioniert, werden sie nicht mehr benötigt. Die immunhemmenden Medikamente, die eine Abwehrreaktion des Körpers gegen die Hilfszellen verhindern, werden abgesetzt, und der Organismus zerstört die "Zeitarbeiter" in der Leber.

Manchmal aber ist es wünschenswert, dass der Zellersatz dauerhaft hilft. Dieses Ziel verfolgt die Forschergruppe um Fred Fändrich von der Universitätsklinik in Kiel. Die Wissenschaftler züchten neue Leberzellen aus Monozyten, Abwehrzellen, die es bei jedem Menschen in großer Menge im Blut gibt. Zunächst verwandelt Fändrich die Monozyten in eine primitivere Entwicklungsform. Diese adulten Stammzellen regen die Kieler Forscher dann über eine Woche lang mit Wachstumsfaktoren an. Dabei entstehen Neo-Hepatozyten, also neue Leberzellen, oder – unter dem Einfluss anderer Faktoren – Inselzellen, die vielleicht eines Tages Diabetiker heilen können. Ihr Vorteil: Sie stammen aus dem Blut der Patienten und werden nicht abgestoßen.

Diese im Labor gezüchteten Zellen sehen nicht nur unter dem Mikroskop wie Leber- oder Inselzellen aus, sie funktionieren auch so. Werden die Zellen in Mäuse gespritzt, bilden sie dort Albumin und Gerinnungsfaktoren; zuckerkranke Mäuse brauchen plötzlich kein Insulin mehr, um den Blutzucker niedrig zu halten. Der Professor für Transplantationsmedizin und Biotechnologie hat ein europäisches Patent auf diese Methode der Zellzüchtung angemeldet, und der Pharmakonzern Fresenius ist in das Projekt eingestiegen. "Bis es zur Anwendung bei Menschen kommt, dauert es noch eine Weile", sagt Fred Fändrich.

Ob neu gezüchtete Hepatozyten oder Inselzellen für die Behandlung unbedenklich sind, weiß noch niemand. Vor wenigen Wochen warnten Onkologen der Universität Madrid davor, dass adulte Stammzellen entarten können. Aus Helfern würden unkontrollierbare Krebswucherungen. Das Entartungsrisiko steigt vor allem nach über vierzig Teilungen. In den Kieler Kulturschalen teilen sich die Zellen im Laufe ihrer Entwicklung nur etwa fünf- bis siebenmal. Das bringt allerdings weniger Zellmasse. Trotzdem glaubt Fändrich, dass seine Zellen gerade bei Patienten mit Zirrhose oder bei Tumoren als Retter auftreten könnten.

Jörg-Matthias Pollok, Leberchirurg an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und Leiter des Labors für Tissue Engineering belädt in seinem Labor kleine weiße Schwämme mit vier Millionen Leberzellen. Dann steckt er sie in einen Bioreaktor – eine Zellfütterungsstation, die an eine zu groß geratene Aquariums-Umwälzpumpe erinnert. Nach einigen Tagen werden diese Schwämmchen dann Ratten in den Bauch eingepflanzt. Die Hepatozyten leben dort weiter und vervierfachen ihre Zahl innerhalb weniger Wochen. Die Vermehrung der Zellen wäre laut Pollok im Vergleich zur Injektion von Leberzellen in die Pfortader ein Vorteil.