DIE ZEIT: Was für einen Ruf hat Angela Merkel in der deutschen Wirtschaft?

Ludolf von Wartenberg: Ich habe Frau Merkel in vielen Runden mit Vertretern der Wirtschaft erlebt. Sie wird für ihre Sachkenntnis und Durchsetzungsstärke geschätzt. Und man rechnet ihr den Reformkurs an, den die CDU auf ihrem Leipziger Parteitag beschlossen hat.

ZEIT: In Umfragen bei Managern schneiden Christian Wulff oder auch Edmund Stoiber besser ab. Tun sich Deutschlands Bosse schwer mit der Idee einer Frau an der Spitze?

Wartenberg: Eine Oppositionsführerin hat nicht den gleichen Amtsbonus wie ein Ministerpräsident. Es mag auch den einen oder anderen irritieren, dass die Union von einer Frau geführt wird. Aber umso mehr Respekt gibt es auch für Frau Merkels Weg an die Spitze. Die Rolle der Kanzlerkandidatin wurde ihr nicht in die Wiege gelegt. Und sie hatte auch nicht die Hausmacht eines mächtigen Landesverbandes.

ZEIT: Ist die Wirtschaft in Wechselstimmung?

Wartenberg: Zumindest bis zum Abend des 22. Mai gab es keine Wechselstimmung hin zu einer anderen Parteienkonstellation. Was ich allerdings wahrnehme, sind der Wunsch und der Ruf nach einer veränderten Politik. Die heutige Wirtschaftspolitik ist viel zu kurzatmig und hektisch, und das nicht erst, seit wir eine rot-grüne Regierung haben. Der letzte Wirtschaftsminister, der für ein klaren, langfristig orientierten Kurs stand, hieß Karl Schiller. Und der quittierte 1972 sein Amt.

ZEIT: In Ihrem neuen Buch Investition in die Zukunft fordern ausgerechnet Sie, ein Mann der Wirtschaftslobby, von den Politikern die "Entdeckung der Langsamkeit" und weniger "Dominanz des Steigerungsdenkens". Warum?

Wartenberg: Unsere Politiker machen zu viele unrealistische Versprechen. Gerhard Schröder trat an mit dem Versprechen, die Arbeitslosigkeit zu halbieren. Das war von vornherein ökonomischer Quatsch. Es war auch Unsinn, davon auszugehen, dass die Arbeitslosenzahl 2005 sinken könnte, denn die Hartz-Reform hat die Arbeitslosenzahl zunächst statistisch erhöht. Es wäre vernünftiger, zu sagen: Wir haben Probleme, wir können sie meistern – aber dafür brauchen wir Zeit.

ZEIT: Sie schreiben, unsere Reformdebatte sei "besinnungslos".

Wartenberg: Wir tun so, als könne man zwanzig Jahre Reformstau in kurzer Zeit korrigieren. Nur: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Deutschland in den kommenden 10, 15 Jahren eher keine Wachstumslokomotive innerhalb der Weltwirtschaft sein. Dennoch müssen wir daran arbeiten. Aber auch ein lediglich mittleres Wachstum wäre doch keine Horrorvision.

ZEIT: Wie bitte? Mäßiges Wachstum genügt?