Berlin

Es ist vollkommen ruhig im Auge des Taifuns. Mitarbeiter schlendern an diesem brütend heißen Freitag mit Zitroneneis am Stiel durch die Lobby des Bundespräsidialamtes. Die schmalen Fenster des schwarzen Ovalbaus am Berliner Spreeweg sind zum Park hin geöffnet. Solange das Schloss Bellevue nebenan renoviert wird, hat Horst Köhler im dritten Stock sein Amtszimmer bezogen.

Alles in diesem eleganten Gebäude ist von einem kühlen Schwarz-Weiß-Kontrast geprägt. Weiß die Wände, schwarz die Türen, schwarz das Mobiliar. Die Strenge der Architektur setzt sich fort im Büro des Bundespräsidenten. Ein kleiner Blumenstrauß auf der rechten Ecke des Schreibtisches, die schwarz-rot-goldene Präsidentenfahne links hinter dem Schreibtischsessel – sonst alles schwarz und weiß. Zu Johannes Rau hätte dieses Büro nicht gepasst. Es könnte für seinen Nachfolger entworfen worden sein.

Horst Köhler wirkt angespannt. Plötzlich ist er der Mann, auf den es ankommt. Er, der kein gelernter Politiker ist, der Karriere gemacht hat als Staatssekretär im Finanzministerium, als Sparkassenpräsident und Direktor des Internationalen Währungsfonds, findet sich unvermittelt im Zentrum eines innenpolitischen Orkans wieder. Der Bundeskanzler will am 1. Juli die Vertrauensfrage stellen. Soll Köhler also den Deutschen Bundestag vor der Zeit auflösen? Oder muss er, darf er verhindern, was alle wollen?

Und wieder missachtet der Bundeskanzler die Kleiderordnung

Die Sache bereitet ihm Unbehagen. Dass da einfach einer kommt und ruft: Schluss jetzt, Neuwahlen, ein Weg wird sich schon finden! – das befremdet ihn. Für den peniblen Ökonomen und gelernten Staatsdiener Köhler gibt es Regeln, und an die hat man sich zu halten. "Die Dinge müssen in Ordnung sein", sagt einer aus seinem engsten Umfeld, "das gehört für ihn zu einem ordentlichen Staatswesen."

Schwer vorstellbar, dass dieser Bundespräsident die Hand zu einem fingierten Misstrauensvotum reichen würde. Die Verfassung duldet keine Tricksereien, da ist er streng. Er will sie hüten – und könnte damit nicht nur den Bundeskanzler, sondern die Allparteienkoalition fröhlicher Wahlkämpfer in Verlegenheit bringen.

Horst Köhler wird die Verfassung nicht nach Mehrheitsmeinung auslegen. Auf seinem Schreibtisch liegen bereits die ersten Expertisen der Hausjuristen. Auch bei Rechtsgelehrten außerhalb des Bundespräsidialamtes will er Rat einholen, will die Fraktionsvorsitzenden befragen. Nein, durchwinken wird der Bundespräsident die Sache nicht, da soll sich keiner täuschen (siehe Interview).