die zukunft des kapitalismus Berechnung und Hingabe
Der Kapitalismus hat einst die Trennung von Ökonomie und Leidenschaft ermöglicht. Darin lag seine Kreativität. Heute verschmelzen wieder Markt und Gefühl
In seinen Memoiren berichtet Giacomo Casanova, wie er einmal einer Komtesse vorgestellt wird und sofort von ihrer Schönheit gefesselt ist. Am nächsten Tag sucht er die Dame zu Hause auf und wird in ein Wohnzimmer mit »vier wackeligen Stühlen und einem schmutzigen Tisch« geführt. Auch das Erscheinen der Komtesse macht den armseligen Anblick nicht besser, im Gegenteil. Casanova erschrickt über die Schäbigkeit ihres Negligés. Die Komtesse erklärt ihm, dass trotz seiner adligen Herkunft ihr Vater nur über ein kleines Salär verfüge und dieses mit neun Kindern teilen müsse. Casanovas Reaktion ist von keinerlei Gewissensbissen getrübt: »Ich war selbst nicht begütert, und da ich nach diesem Anblick nicht länger verliebt war, seufzte ich nur tief und blieb so kalt wie Eis.«
Casanova erweist sich als kaltblütige Buchhalterseele. Seine feurige Leidenschaft erlischt in dem Moment, da er die erbärmliche Lage der Dame erkennt – als sei es selbstverständlich, sind seine Gefühle von ökonomischen Interessen durchdrungen.
Anders als wir es heute vielleicht empfinden, war Casanovas Haltung damals alles andere als unmoralisch. Vielmehr gehörte es in der vorkapitalistischen Welt einfach zur Moral dazu, dass man das Objekt seiner Begierde in Ansehung seines gesellschaftlichen Standes wählte. Denn in einer Wirtschaft mit beschränktem Arbeitsmarkt und geringer Güterzirkulation waren Besitz und Erbe für den sozialen Status entscheidend. Besitz konnte man meistens nur durch entsprechende Heiraten sichern oder mehren. So war in der vorkapitalistischen Welt das Privatleben wirtschaftlichen Strategien, Zwecken und Zielen untergeordnet. Entscheidungen in Liebesdingen waren von wirtschaftlichen Erwägungen beeinflusst.
Ganz anders verhält es sich im Kapitalismus, denn er trennt die Gefühle vom wirtschaftlichen Kalkül ab. Möglich ist dies, weil er die Güterproduktion aus den Haushalten herauslöste, die Abhängigkeit der Menschen vom ererbten Besitz reduzierte und die Familie in eine emotionale – statt ökonomische – Einheit verwandelte. Dadurch erwies sich der Kapitalismus als die erste soziale Organisationsform, in der eine Liebesheirat völlig legitim war. Mehr noch, der Kapitalismus ließ eine Liebesheirat sogar als wünschenswert erscheinen, um die Souveränität der emotionalen Wahl zu unterstreichen und Gefühle radikal von Geschäften zu trennen.
Es stimmt, Friedrich Engels hat dieser Sichtweise widersprochen. Er glaubte, in der bürgerlichen Ehe würde sich das Bedürfnis, Privatbesitz weiterzugeben, gegenüber uneigennützigen Gefühlen und Liebe am Ende durchsetzen. Doch Engels hatte Unrecht; in vielerlei Hinsicht ist gerade das Gegenteil eingetreten. Weil der Kapitalismus die wirtschaftliche Tätigkeit zu einer besonderen, von Ehe und sexueller Reproduktion getrennten Angelegenheit machte, baute er die Familie zu einer nichtwirtschaftlichen Einheit um – gleichsam zu einem emotionalen Treibhaus, in dem Männer und Frauen sich in immer größerem Maß ihrer gegenseitigen Liebe, ihrer Sexualität, der individuellen Weiterentwicklung und der elterlichen Fürsorge widmen konnten.
Es ist wahr, der Kapitalismus hat Männer und Frauen in getrennte Sphären verbannt – die Frauen in das »Schattenreich« des Hauses (Hannah Arendt) und die Männer in den Konkurrenzkampf des Marktes. Doch indem er die romantische Liebe zu einem wesentlichen Teil der Ehe machte, wertete er auch den Status der Frauen auf und unterhöhlte die männliche Vormachtstellung im Haushalt.
All dies liefert uns den Schlüssel, mit dem wir eine der großen Paradoxien des Kapitalismus und wahrscheinlich eine seiner beständigsten Verführungskräfte verstehen können: Die kapitalistische Sozialorganisation hat die wirtschaftlichen Aktivitäten zum Hauptmotor der Gesellschaft gemacht – und zugleich das Privatleben und die Suche nach emotionaler Verwirklichung und Erfüllung in den Mittelpunkt des persönlichen Lebensprojekts gestellt.
Nehmen wir nur den Konsum: Der Konsumsektor bedient sich außerordentlich rücksichtsloser und ausufernder Praktiken, aber die meisten Menschen konsumieren hauptsächlich, um ihre sozialen Beziehungen zu verbessern. Wir geben viel Geld für luxuriöse Reisen aus, aber nur, um eine intensive Zeit mit unserer Familie zu verbringen. Viele Urlaubssouvenirs sind in Wirklichkeit Geschenke für Freunde und Angehörige. Schöne Kleider, Parfums und Kosmetik kaufen wir in der Regel, um andere zu beeindrucken. Und so weiter.
So erweist sich der Kapitalismus als soziologischer Zentaur: Sein Kopf ist gierig, brutal, unbarmherzig, berechnend. Aber sein Leib sehnt sich nach engen Bindungen, nach Intimität, Authentizität und Selbstverwirklichung.
Im Gegensatz zur marxistischen Lehre glaube ich nicht, dass die Widersprüche des Kapitalismus seine Schwäche sind. Vielmehr halte ich sie für die Quelle seiner Kreativität, Attraktivität und Dynamik. Während am Arbeitsplatz Selbstbeherrschung, Konkurrenzdenken und die Rationalität des kühlen Kopfes gefordert sind, bietet das Zuhause immer, selbst nur als ausgleichender Mythos, einen Hort des Trostes, der Authentizität und der Intimität.
Ein Großteil unserer kulturellen Kreativität während des letzten Jahrhunderts bestand in dem Versuch, die widersprüchliche Logik dieser beiden Sphären zu begreifen und sie miteinander zu versöhnen. Literatur, Feminismus oder Psychoanalyse sind Beispiele dafür, wie ganze Heerscharen von Kulturschaffenden alles daransetzten, die Spannungen zwischen dem ichbezogenen, selbstgewissen Individualismus und unserer Hingabe an andere Menschen herauszuarbeiten und zu balancieren.
Ich glaube aber, dass dieser widersprüchliche Charakter des Kapitalismus mehr und mehr verschwindet. Gegenwärtig ist er weitaus weniger von Konflikten geprägt, als es auf dem Höhepunkt der bürgerlichen Hegemonie der Fall war. Gefühle und Geschäfte, Privates und Öffentliches bilden keine Gegensätze mehr; vielmehr werden Ökonomie und Leidenschaften in den neuen technologischen und ökonomischen Entwicklungen des Kapitalismus wieder perfekt miteinander verschmolzen.
Nehmen wir zum Beispiel die boomende Partnersuche per Internet. Casanovas eisige Reaktion verblasst im Vergleich zu den ausgeklügelten, elaborierten Spezifikationen der Partnerattribute, die die Internet-Technik ermöglicht: Die Partnersuchenden verabreden sich nur mit einer Person, wenn sie zu einer bestimmten Altersgruppe gehört, eine bestimmte Haar- und Augenfarbe hat, wenn Bildungsniveau, Einkommen und Fitness-Level passen.
Oder die Talkshows. Nicht nur, dass nie zuvor mit Lebensgeschichten so viel »Mehrwert« erwirtschaftet wurde. Talkshows heben auch den Gegensatz von Öffentlichem und Privatem auf und beseitigen eines der fundamentalen Spannungsverhältnisse, die den Kern moderner Identität ausmachten. Das heißt, während der Kapitalismus einst private und öffentliche Sphäre, spontane Leidenschaft und kaltblütiges Kalkül separierte, verschmilzt die zeitgenössische kapitalistische Kultur diese Sphären wieder miteinander. Sprache, Werte und Rationalität des Marktes werden eine alles verschlingende Hegemonialmacht.
Der Kapitalismus scheint mir nicht mehr in der Lage, überzeugende Mythen hervorzubringen, die das Leben erleichtern oder uns über den Markt und den Alltag erheben. Es sind gerade die Strukturen des Privatlebens, die jetzt vor unseren Augen zerbröseln. Ob aus dieser Asche ein neuer Phönix aufsteigen wird, bleibt abzuwarten.
Aus dem Englischen von Hartmut Schickert
Die israelische Soziologin Eva Illouz lehrt an der Hebrew University Jerusalem. International bekannt wurde sie mit ihrem Buch »Der Konsum der Romantik« (Leske und Budrich Verlag 2003)
- Datum 02.06.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 02.06.2005 Nr.23
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