In diesen Wochen nehmen die Deutschen zweifach Abschied: Sie trennen sich von einer langen industriegesellschaftlichen Tradition. Und sie ziehen einen Schlussstrich unter ihre (weit kürzere) postmaterialistische Episode. Zu ihrer rund 150 Jahre währenden industriegesellschaftlichen Geschichte gehörte die enge Korrelation von Großunternehmen, Arbeiterklasse und Sozialdemokratischer Partei. In der Pionierregion der deutschen Industrialisierung, der mitteldeutschen Gewerbelandschaft zwischen Magdeburg und Zwickau, nahm die Partei Lassalles und Bebels ihren Ausgang. Im industriellen Herzen der westdeutschen Republik, im Ruhrgebiet, ging in diesen Tagen die jahrzehntelange Hegemonie der Partei Willy Brandts in den proletarisch-industriellen Lebenswelten zu Ende.

Einige Zeit galt der Postmaterialismus als Erbfolger des auslaufenden Industrialismus. In dieser Zeit galt Rot-Grün als das Modernisierungsbündnis, als der kongeniale kulturelle Ausdruck einer Gesellschaft des Wertewandels diesseits vom überständigen Konservatismus, Konfessionalismus, Honoratiorenliberalismus und gewerkschaftsbürokratischen Sozialetatismus. Grün war die Farbe der Avantgarde. Doch auch das scheint nun passé zu sein: Die Grünen sind an keinem Länderkabinett der deutschen Republik mehr beteiligt; zum Ende des Jahres werden sie, ganz ohne Regierungsmacht, einsam und verlassen in der politischen Landschaft stehen.

Die Deutschen also im Abschied. Doch wohin brechen sie auf? Ist jetzt Schluss mit Solidarismus und Subsidiarität, mit Pflichtversicherungen und Tarifverträgen, mit staatlicher Steuerung und gewerkschaftlicher Gegenmacht? Wollen die Deutschen ein marktradikales bürgerliches Bündnis? Rufen sie nach einer energischen Sparpolitik, nach dem Ausbau der Selbstbeteiligung, nach einer drastischen Reduzierung der Sozialquote? Ist all dies das Signal der christdemokratischen Wahlsiege in den letzten zweieinhalb Jahren?

Die ökonomischen Eliten, die bundesdeutschen Großbürger sehen es so. Und sie erwarten, dass die Allianz Merkel/Westerwelle unverzüglich und mit rigider Härte in diese Richtung marschiert. Doch der Mehrheitsmentalität der bundesdeutschen Gesellschaft entspricht diese Haltung nicht. Die Bürger sind vielmehr matt reformiert. Sie sind erschöpft vom schneidigen Vokabular des Reform-Establishments. So mag es im September zwar eine Koalition bürgerlich-liberaler Marktreformer geben. Aber es kann sein, dass bei einer Politik der Reformen in Permanenz kaum noch einer mitmachen möchte. So paradox es klingt: Die Deutschen werden eine Regierung wählen, von deren Projekt, Rhetorik und auch Leitfiguren sie jetzt bereits die Nase voll haben.

Keiner verkörpert diese Ambivalenz sinnfälliger als Guido Westerwelle. Nicht einmal liberale Stammwähler freuen sich auf ihn an der Macht. Er passt nicht in die Landschaft, in eine Gesellschaft mit ernsthaften Sorgen, die bitter aus dem Delirium spaßgesellschaftlicher Exzesse und hybrider Aktienträume erwacht ist. Westerwelle passte in die neureichen neunziger Jahre, in die parvenühafte Stimmung eines wurschtigen Werterelativismus, der hardcoreindividualistischen Parolen von "Erlaubt ist, was gefällt und ordentlich Knete bringt". Doch diese Partystimmung ist auch in der Mitte der Republik verflogen. Der Neuliberalismus rückt zwar an die Macht – aber im Grunde hat der Kern der Gesellschaft ihn längst schon hinter sich gelassen.

Das ist kein ungewöhnlicher Vorgang. Historiker periodisieren die moderne Geschichte gern nach Regierungswechseln. Neue Koalitionen eröffnen in dieser Perspektive jeweils neue gesellschaftliche und politische Phasen. Schaut man allerdings genauer hin, so stellt man fest, dass neue Regierungskoalitionen oft eher vorangegangene gesellschaftliche Entwicklungen abschließen – und sich bald mit Problemen plagen müssen, für die sie durch ihre zurückliegende politische Sozialisation kaum gerüstet sind. Das galt schon für den Regierungswechsel 1969. Das viel zitierte "moderne Deutschland" begann nicht erst mit dem Einzug Willy Brandts in das Palais Schaumburg. Eine neue liberale Öffentlichkeit bildete sich bereits 1962 im Zuge der Proteste während der Spiegel-Affäre. 1964/65 diskutierte die Republik mit großer Verve über die Bildungsreform. Auch das Ende der Hallsteindoktrin erfolgte schon 1967. Das war überdies das Jahr einer neuartigen Planungseuphorie, dazu der kühnen keynesianischen Hoffnungen und der ersten bedeutenden liberalen Justizreformen. Alle Kerngedanken der Sozialliberalität waren folglich schon vor 1969 in der Gesellschaft präsent.

Als Brandt Kanzler war, verflog hingegen der Zauber der Sechziger-Jahre-Begriffe wie Partizipation, Demokratisierung, Reform überaus rasch. 1968 sprach sich beinahe die Hälfte der Deutschen begeistert für grundlegende Reformen aus. 1973 wollte nicht einmal ein Viertel mehr irgendetwas davon wissen. Die Sozialliberalität ging schon neun Jahre vor dem Aus der sozialliberalen Koalition zu Ende. Die geistig-moralische Wende von Helmut Kohl erfolgte nicht erst 1982 mit dem Beginn seiner Regierungsübernahme, sondern 1973. Das war das Jahr der so genannten Tendenzwende, als neokonservative Ideen aufkamen, als die klassischen Staatsfunktionen eine Renaissance erfuhren, als man der Stabilität wieder entschieden den Vorrang vor Veränderungen einräumte. Erst wechselte also der Zeitgeist – die politische Wende in Bonn markierte lediglich den Schlussakt dieses Prozesses.