Nehmen wir einmal an, die Unionsparteien stellten nach der Wahl die Regierung. Wie wäre das Verhältnis der Politik zur Kultur? Würde eine Kanzlerin Angela Merkel zu ihrem Vergnügen eine gesellige Runde von Künstlern um sich versammeln, wie es Gerhard Schröder getan hat? Gäbe es Schriftsteller, die spontane Aufrufe zur Unterstützung der CDU oder gar CSU unterzeichneten? Kann man sich ein Milieu vorstellen, aus dem die Union wie ehemals die SPD Intendanten und Popsänger, Regisseure, Schauspieler und Kabarettisten für ihre Sache gewinnen könnte?

Man kann es sich nicht vorstellen. Seit Anbeginn der Bundesrepublik hat der Typus des engagierten Intellektuellen von der Union Ablehnung erfahren, beginnend mit der Empörung über Wolfgang Koeppens Bonn-Roman Das Treibhaus und kulminierend in den Auseinandersetzungen mit der Studentenrevolte. Es gibt keine CDU-Schriftsteller, wie es SPD-Schriftsteller von Rang und Ausstrahlungskraft eines Günter Grass oder Peter Rühmkorf gibt. Nur für einen vergänglichen Moment nach 1989, als der gemeinsame Antikommunismus die Dissidenten der DDR in die Nähe der Union führte, ließ sich so etwas wie eine geistige Anziehungskraft des konservativen Lagers erkennen. Damals rückte Reiner Kunze, später Wolf Biermann in den Umkreis, auch Günter de Bruyn ließe sich, als bekennender Katholik, vielleicht dort verbuchen (aber würde er zustimmen?). Die Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung sind parteipolitisch unauffällig; weder Herta Müller noch Sarah Kirsch oder Thomas Hürlimann könnte die CDU vereinnahmen. Wo sollte ein konservativer Autor auch gefunden werden? Schon der utopiefeindliche Pessimismus eines Günter Kunert ist bei weitem zu schwarz und apokalyptisch, um einer Partei zu dienen, die auf Wohlstand, Wachstum, Fortschritt setzt.

Helmut Kohl pilgerte vergeblich zu Ernst Jünger

Mit dem Begriff des Fortschritts ist der wesentliche Teil der kulturellen Fremdheit schon benannt: Linke Intellektuelle setzen auf einen anderen Fortschritt, einen sozialen und emanzipatorischen, dessen Pointen Pazifismus, Feminismus, Multikulturalismus heißen. Rechte Intellektuelle dagegen setzen überhaupt nicht auf den Fortschritt; im Übrigen ist ihr Milieu, das in Frankreich, Spanien, Lateinamerika bedeutende Denker hervorgebracht hat, in Deutschland kaum präsent. Zu ihm gehört der Typus des nichtfaschistischen Reaktionärs mit einem starken, oft katholischen Affekt gegen die Moderne. Michel Houellebecq ließe sich heute dazu zählen, vor allem aber der kolumbianische Philosoph Gómez Dávila, den Botho Strauß so verehrt. Aber würde man Botho Strauß deshalb zu den CDU-Intellektuellen rechnen?

Von Gómez Dávila stammt ein beiläufiger Aphorismus, an dem sich recht gut das Problem zeigen lässt, das der politische Konservatismus mit diesen Kritikern der Moderne hätte. "Feminismus ist dumm, aber Antifeminismus ist vulgär." Der ersten Aussage würde ein Teil des CDU-Milieus gewiss zustimmen, aber die zweite würde es schon nicht mehr verstehen. Andersherum gesagt: Intellektuelle wie Gómez Dávila teilen die Abneigung gegen einen linken Zeitgeist, aber sie sind ohne jede Sympathie für die populistische Stimmungsmache, die daraus folgen könnte.

Vulgarität ist als Grund dieser Distanz durchaus das richtige Stichwort. Wenn man sich große Mühe gäbe, eine deutsche Traditionslinie des intellektuellen Konservatismus zu ziehen, dann würde auch sie auf Verachtung der Massendemokratie und ihrer Volksparteien hinauslaufen. Eine solche Linie würde vielleicht von Justus Möser, dem konservativen Aufklärer des 18. Jahrhunderts, bis zu Martin Mosebach führen, dem katholisch inspirierten Spötter unserer Tage, und unterwegs den späten, demokratieskeptischen Heinrich Heine streifen, vielleicht auch den unbürgerlichen Soziologen der Bourgeoisie, Werner Sombart, der als Erster dem Kapitalismus einen Untergang durch Zerstörung seiner kulturellen Grundlagen prophezeite. Schon Carl Schmitt wird man hier nicht finden, weil er die Institutionen nicht bewahren, sondern für eine totalitäre Moderne zerschlagen wollte. Und Hannah Arendt? Sie war gewiss die größte unter den konservativen Politologen der Nachkriegszeit. In ihrem berühmten Buch über den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts spricht sie wie selbstverständlich vom Mob als Quelle allen Unheils.

Kurzum: Für eine Volkspartei unter breitem Einschluss von Aufsteigern und Kleinbürgern ist damit nichts zu gewinnen. Und selbst wenn es hier und da vor 25 Jahren, als der Zeitgeist von links nach rechts drehte, die eine oder andere intellektuelle Sympathie für die Union gegeben hat, dann dürfte sie spätestens im Laufe des lähmenden Strickjackenregiments von Helmut Kohl verflogen sein. Ernst Jünger, den Kohl gelegentlich besuchte, stand nicht für die CDU; er stand noch nicht einmal für die Bundesrepublik. Vielmehr verkörperte Kohl mit seinem Dialekt, der offenen Verachtung für Diskussion und Argument schlagender noch als Margaret Thatcher die Intellektferne des politischen Konservatismus.

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