In den Karpaten: Huzulische Schafzucht, huzulische Bräuche, huzulische Magie, der Westen liebt die Klischees vom wilden Osten

Foto: (Ausschnitt) Reiner Riedler/Anzenberger

Auf den ersten ins Deutsche übertragenen Roman dieses in Deutschland nahezu über Nacht berühmt gewordenen Essayisten aus Stanislau in Galizien hat man gespannt gewartet. Zumal der Roman Zwölf Ringe auch in der ukrainischen Heimat seines Autors Juri Andruchowytsch einen kleinen Skandal hervorgerufen hat. Mancher Lemberger Buchladen weigerte sich, ihn zu verkaufen, was naturgemäß die Verkäufe in den übrigen Buchhandlungen steigerte. Der Grund für die Aufregung war ein verhältnismäßig kurzes Kapitel über Bohdan-Ihor Antonytsch, einen Dichter der osteuropäischen Moderne der Zwischenkriegszeit, die so manchen kränklichen und schüchternen Außenseiter hervorgebracht hat, man denke an Franz Kafka, M. Blecher oder Bruno Schulz. Antonytsch war keine Ausnahme: Er wurde 1909 als Sohn eines Geistlichen in einem Karpatendorf geboren, studierte Philosophie in Lemberg, wo er bis zu seinem Tod 1937 bei seiner despotischen Tante zurückgezogen lebte. Die Zitate aus Antonytschs Werk bereichern den Roman von Juri Andruchowytsch, geben ihm Tiefe, prägen Landschaften und Gefühle. Seinen Absturz in die postmodernistische ukrainische Folklore können sie jedoch nicht verhindern.

Besonders fragwürdig ist das Zitieren aus dem Werk des bewunderten ukrainischen Vorgängers, wenn damit auf naive Weise das fiktive Leben des Dichters rekonstruiert wird. Juri Andruchowytsch erdichtet Antonytsch eine fiktive Biografie, macht aus dem ängstlichen Bücherwurm einen haltlosen Bohemien, der sich Trinkexzessen und Frauengeschichten hingibt. Das Antonytsch-Kapitel illustriert das Problem des Romans in nuce: Der Autor, der sich immer wieder mit verspielten Bemerkungen in die Geschichte einmischt, behauptet, die Biografie des Klassikers sei gemäß einer »philisterhaften Vorstellung« gefälscht worden. Doch seine eigene Version – die klischeebeladene Vita eines »verdammten Poeten« – ist eine nicht weniger »philisterhafte Vorstellung«. Kurzum, das Hauptproblem der Zwölf Ringe ist die zurechtgestutzte Banalität seiner beschriebenen Welt, die in diesem Fall als Boheme-Banalität auftritt.

Die Protagonisten des Romans werden von einem Neureichen namens Ylko Warzabytsch in das Wirtshaus »Auf dem Mond« (auch ein Antonytsch-Zitat) eingeladen, um – im Rahmen der Initiative »Die Helden des Business den Helden der Kultur« – Antonytsch zu ehren. Der Dichter starb in einer Johannisnacht, in der es in der slawischen Mythologie von bösen Geistern und Hexen nur so wimmelt. Insofern ist die Gelegenheit günstig für die Anhäufung mystischer Ereignisse und eines New-Age-Potpourris, in dessen Zentrum der Schriftsteller Artur Pepa, Gattin Roma Woronytsch und der österreichische Fotograf Karl-Joseph Zumbrunnen stehen, die ein Liebesdreieck bilden. Der betrogene Ehemann ahnt zwar nicht, dass er in dem Österreicher einen erfolgreichen Nebenbuhler hat, doch entsteht zwischen ihnen eine Rivalität, die als Spiel beginnt und unheilvoll endet: Der betrunkene Fotograf läuft davon und wird von zwei kleinen Ganoven ermordet. Warum er im Roman auch Orpheus genannt wird, bleibt unklar; auch in seinem in der ukrainischen Zeitschrift Krytyka veröffentlichten Kommentar zum Roman wusste Andruchowytsch das nicht zu beantworten.

Dieser Kommentar ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Andruchowytsch erzählt darin, wie er zur Idee des Romans kam und welche Zwischenfälle sein Schreiben begleiteten. Die essayistische Idee, die ihm zugrunde liegt, wird im Roman besonders deutlich, wenn Artur Pepa ein Buch über das karpatische Volk der Huzulen schreiben möchte. Die Faszination der Bilder, die in seinem Kopf entstehen, ist ansteckend: huzulische Schafzucht, huzulische Liebesspiele, huzulische Magie, huzulische Bräuche, alles Dinge, die zumindest für den westlichen Leser weitgehend unbekannt sind. Insbesondere wenn man den (in der UdSSR berühmten) Film Schatten der vergessenen Ahnen nicht gesehen oder den als Vorlage zum Film dienenden Roman des außerhalb der Ukraine leider völlig unbekannten Autors Mychajlo Kozjubynskyj (1864 bis 1913) nicht gelesen hat. Dieser »huzulische Roman«, als der er in Deutschland schon missverstanden wurde, wäre vielleicht lohnenswert gewesen. Der ukrainische Postmodernismus, den Andruchowytsch stattdessen zu erfinden versucht, ist es nicht. Als geborener Essayist vermag der Autor komplizierte Zusammenhänge einfach (mitunter zu einfach) darzustellen. In seinen belletristischen Werken hingegen macht er die einfachen Sachen zu kompliziert und verliert sich in einer umständlichen Romanmaschinerie.

Im Umgang mit dem Romanpersonal dominieren überdies grobe Klischees. Clip-Produzent Magierski wird mit Geiz, Gefräßigkeit und Feigheit ausgestattet, ein Umstand, der Anlass dazu gibt, »misstrauisch die Form seiner Nase zu betrachten«. Was deutlich eines der gängigsten Judenklischees bedient. Klischees sind wie Esel – wenn man sie reiten will, muss man damit rechnen, dass sie stehen bleiben oder dorthin traben, wohin man überhaupt nicht möchte. Und wir dürfen wohl annehmen, dass Andruchowytsch nicht dorthin möchte.

Für den ganzen Roman ist es durchaus charakteristisch, dass nicht immer klar ist, ob der Autor weiß, wohin er reitet. Er will zu vieles auf einmal: eine realistische Erzählung mit den Andeutungen auf aktuelle politische Geschehnisse, einen poetischen Heimatroman mit völkerkundlichen Abschweifungen, eine Liebesgeschichte und eine Phantasmagorie. Dieses Von-allem-Etwas weigert sich, zu einem homogenen oder zumindest geordneten Gemisch zu werden. Als weiteres Ärgernis kommt hinzu, dass die Übersetzung etliche Spuren einer nicht ausreichenden Redigatur aufweist. So wird das Wort »Ehebrecher« nicht für den untreuen Gatten, sondern für den Liebhaber verwendet, oder die »Massenvergewaltigung« beschreibt nicht die Vergewaltigung mehrerer Personen, sondern die Vergewaltigung einer Person durch eine Gruppe.

In Gestalt des Gastgebers Ylko Warzabytsch stören zwei einander widersprechende Bestandteile: Er ist zum einen eine Parodie auf die Neureichen mit ihren geschmacklosen Einfällen und lehnt sich zugleich zu sehr an die Figur des Satans aus Michail Bulgakows berühmten Roman Meister und Margarita an. Schon Bulgakow balancierte mit seiner zum größten Teil der Oper (mehr als der literarischen Quelle) entnommenen höllischen Edelgestalt an der Grenze zum Kitsch, doch rettete ihn eine angeborene satirische Schärfe. Andruchowytsch hingegen rutscht immer wieder von karpatischen Höhen hinab in die Ebenen des literarischen Gemeinsinns. Zu viel wird angefangen und angedeutet, fast alles ist redundant ausgeführt. Roma Woronytsch – die »Margarita« –, die den infernalen Mafioso durch ihren verzweifelten Hilferuf rührt und damit ihren Mann rettet, ist von mysteriösen Erscheinungen mehr als genug umkreist: Neben dem Mafioso tritt als weitere teuflische Figur ein verstorbener Gatte auf, ein Völkerkundler, der in der Gegend herumspukt und seiner Witwe im Traum erscheint, um sie zu vergewaltigen. Nach ungefähr der Hälfte des Buches scheint der Autor selbst ermüdet zu sein. Im Weiteren verzichtet er auf Verweise auf eigene frühere Bücher und Gespräche mit dem Leser, um sich nun ganz auf die Liebesgeschichte zu konzentrieren, die ohne besondere Überraschungen abläuft.

Die im Jahr 2003 erschienenen poetischen Essays des Autors über die Westukraine, die ein höchst romantisches Bild von dieser Terra incognita zeichnen, haben uns in eine unbekannte Weltgegend eingeführt. Die plötzliche Medienpräsenz dieses unglücklichen Staates zur Zeit der orangefarbenen Revolution tat ein Übriges, uns Andruchowytsch als Kommentator zu empfehlen. Der Roman indes enttäuscht, gemessen an der Figur jenes großen ukrainischen Schriftstellers, eines »unfreiwilligen Klassikers«, den der bärendienstliche Klappentext verspricht.

Juri Andruchowytsch: Zwölf Ringe

Roman; aus dem Ukrainischen von Sabine Stör; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005; 307 S., 22,90 €