BelletristikVerstärktes Schulterzucken

Volker Brauns neue Gedichte nach dem Ende der Utopie von Stephan Speicher

Auf die schönen Possen!" hebt Volker Braun das Glas in seinem neuen Gedichtband: "An Liebe halt dich, die vergeht. / Nach Höhrem nicht verrenk den Geist. / Bereichre dich an der Vergänglichkeit / Nur was verwelkt gewährte Lust." Der elisabethanische Dichter Philip Sidney, dem er damit antwortet, hatte kurz vor seinem frühen Tod 1586 ebensolchen glänzenden, lange getriebenen Späßen Lebewohl gesagt, die irdische Liebe verabschiedet und sich selbst ermahnt: Es war das Gedicht eines Christen, der verwarf, was welkt und rostet, um sich dem Ewigen zuzuwenden. Und Volker Braun, der Sozialist? "Das Großeganze ist geschenkt: / Von Einzelheiten werd ich satt. / Mach Dir den Kopf nicht, wenn Dein Hintern fällt / Was Erde tritt, Sir, Erde frißt." Hier spricht die Ernüchterung, eine neue Genügsamkeit. Ein Fortschritt in der Aufklärung ist es wohl nicht, eher ein Schwund der geistigen Energie (die keine religiöse sein muss). Possen nur werden begrüßt, schon verabschiedete, wie das Wort Posse selbst etwas Abgelebtes hat.

Volker Braun, einer der sehr wenigen großen Lyriker der deutschen Gegenwart, Mann der Sächsischen Dichterschule, beklagt einen Verlust. Der Ton ist einfach, volksliedhaft. Die Verse stehen auf einem festen metrischen Fundament, aber die je dritte Zeile der zwei Strophen bringt eine Bewegung in den Ablauf, Unruhe in das so sicher scheinende Bekenntnis zum Empirischen, zum Genuss an der Welt und zur Absage an alles "Höhre". Braun hat den Genuss nie verachtet. "Wir gingen ins Haus, / Er auf das Podium, in die Sauna ich", heißt es schon in einem Gedicht über die Diskussionen im Schriftstellerverband der DDR (aus dem Band Langsamer knirschender Morgen von 1987). Misstrauen hegte er, der Sozialist, auch schon gegen das "Großeganze" Sozialismus, wie es sich in der DDR zeigte. Und doch verteidigte er den Anspruch gegen die Wirklichkeit. Oder richtiger: Die Haltung seiner Wirklichkeitserkenntnis war das Sichrecken nach dem Höheren. Das hat sich erledigt, einstweilen. Der Utopieverlust ist das große Thema auch des jüngsten Buches. "Ich / konnte mit geschlossenen Augen sehn (Die bessere Welt u.s.w.)". Nun, nach einer Augenoperation, sind es Urlaubsprospekte, in denen der Nachbar im Krankenhaus blättert. Ein islamistischer Selbstmordattentäter aus dem Fernsehen will die 72 Jungfrauen sehn. Und "Ich / Schmieg die Schultern in die dunkle Erde". Auch die Natur ist ohne Trost: "Überschwemmungen sah ich dies Jahr / Den Wald brennen / Seebeben und Staaten – / Ein Schulterzucken Stärke neun". Alles bebt, und wir müssen es hinnehmen, "Den Tod nur kann ich beklagen, und freun der Geburt mich".

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Was ist es für eine Welt, in der die Vernunft in der Botanik überlebt und selbst diese von der Verzweiflung bedroht ist? Und mehr noch: Was war es für eine Utopie, nach deren Ende Braun schreibt? Ist sie innerer Entkräftung erlegen oder erschlagen worden? In einem früheren Gedicht, Das Eigentum (aus dem Band Lustgarten. Preußen von 1996), heißt es: "Was ich niemals besaß wird mir entrissen / Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen". Heute scheint Volker Braun die untergegangene Welt milder zu sehen. Ein neues Gedicht auf das Ende der DDR sagt vom "Verschwinden des Volkseigentums": "Ahnungslos / hielten wir es in den Händen / Eine Gelegenheit, über die man nicht spricht / Beinah zur Natur geworden. / Wir machten uns nicht daraus." Es ist ein fast idyllisches Bild von der DDR und ihren unschuldsvollen, naturhaft lebenden Bewohnern, "Eine vornehme Klasse / Die nichts von sich hermachte". Solche Verklärung – verglichen zumindest mit dem früheren Gedicht – hat seine Gründe sicher auch im Gefühl geistiger Beraubung. Die Medien sind in westliche Hände gegangen, das Land findet keine Möglichkeit mehr, zur eigenen Sprache zu kommen: "Die Zeitungen / Die wir aufschlagen, sind stumm vor Schreck / Denn sie haben auch den Besitzer gewechselt / Und die abgesägten Sender verhalten sich ganz stille".

Es ist ein tastender, bröckelnder Ton, in dem hier gesprochen wird. Vor Missgriffen ist Braun durch seinen eminenten Kunstverstand geschützt und vor Wiederholungen auch; er hat nicht einfach seine bewährten Ansichten erneut in die Auslage gestellt. Doch der zwingende Vers, der, einmal gelesen, sich nicht mehr vergisst, ist zur Ausnahme geworden.

Auf die schönen PossenBelletristikGedichteVolker BraunBuchSuhrkamp Verlag2005Frankfurt a. M.16,90102
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