Im konkreten Leben mischen und verwirren sich die Dimensionen, auch das Politische und das Private - wie in dieser Woche. Stichworte für ein solches Drunter und Drüber: Am Mittwoch voriger Woche der "Welt-Nichtrauchertag". Jeden Tag sterben in Deutschland 300 Menschen an den Folgen des Tabakgenusses. Genusses?

Am Donnerstag Mitwirkung an einer Fernsehdiskussion zum Thema. Immer wieder mein Staunen darüber, dass der Staat an einer Praxis steuerlich "verdienen" will, die er als gesundheitsschädlich längst erkannt hat. Was soll die Tabaksteuer - den Konsum niederdrücken oder das Steueraufkommen mehren? Was Wunder, dass es dem Vertreter der Zigarettenindustrie ein Einfaches ist, diesen Zielkonflikt sarkastisch aufzuspießen. Aber er selber hat keine Antwort auf die Frage: Könnten Sie es ethisch verantworten, ihr Geld in einer Industrie zu investieren, die diese Folgen nach sich zieht? Finden Sie es wirtschaftlich klug, ihr Geld in einer Industrie zu lassen, die wegen dieser immer bekannter werdenden Folgen doch auf Dauer nur verlieren kann? (Aber zugegeben, ich rauche auch schon gelegentlich eine Pfeife, um mich beim Schreiben zu konzentrieren - abnehmend, schon mein Zahnarzt sieht das nicht gerne.)

Am Freitag im Kollegium die heutzutage üblichen Diskussionen über die Brüsseler Regierungswut. Zwei achtenswerte Kollegen - die allerdings kaum darauf achten, wie sehr ihr eifrig ausgestoßener Zigarettenqualm die anderen beschwert - lachen sich einen polemischen Ast über die von Brüssel (von Brüssel? Von den nationalen Gesundheitsministern in Brüssel durchgesetzt…) in aller Detailgenauigkeit verordneten Warn-Aufdrucke auf den Zigarettenschachteln, als ob daran Europa zugrunde ginge - nicht aber tagtäglich eine Dreihundertschaft von Deutschen am Tabakkonsum.

In der Nacht zum Samstag stirbt eine liebenswürdige Klassenkameradin aus Salemer Zeiten (damals war eines der größten Delikte des Schulalltags: Rauchen) - an einem Krebs, der auch ihre Lunge heimgesucht hatte. Sie hatte viel geraucht. Reden wir trotzdem nicht von kausalen Zusammenhängen, jedenfalls nicht im Einzelfall. Aber eine von dreihundert an diesem Tag.

In summa: Solche Koinzidenzien zeigen, wie schwer es ist, im eigenen Leben gewusste Vernunft und gelebte Praxis auf einen Nenner zu bringen - auch wie schwer es ist, in der Politik Vernunft auf vernünftige Weise zur Geltung zu bringen. In den Trotz und die Trauer mischt sich die Frage: Ob wir eigentlich letztlich vernünftig leben wollen? Letztlich nicht nur vernünftig… Aber soll das Utopische nur im Unvernünftigen Raum haben?