Stellen Sie sich vor, in Deutschland wäre ein neues Virus aufgetaucht. Es hätte einhundert Menschen infiziert, zwei Drittel davon wären gestorben. Zugleich hätte der Erreger Millionen Hühner und Enten, eine unbekannte Zahl Schweine und Katzen sowie diverse weitere Säugetiere befallen. Wissenschaftler sagten eine Epidemie mit Millionen Toten voraus. Einen Impfstoff gäbe es nicht, das einzige wirksame Medikament wäre nicht verfügbar. Man braucht wenig Fantasie, um sich die öffentliche Panik auszumalen.

Das Szenario ist keine Fiktion, sondern nüchterne Wahrheit. Mit einer Ausnahme: Der Ort des Geschehens ist – noch – Südostasien. Deutschland und Europa können aber jederzeit zum neuen Schauplatz werden. In Vietnam, Thailand, Kambodscha, Indonesien und China grassiert die so genannte Vogelgrippe. Das klingt ungefährlich, weil Vögel ja keine Menschen sind. Das klingt nach einer beliebigen Erkältung, die so schlimm nicht sein kann. So kommt es, dass die Vogelgrippe nur einer Hand voll Fachleuten den Schlaf raubt. Und im Wahlkampf kräht kein Huhn danach, dass Deutschland nicht vorbereitet ist auf die Epidemie, die ganz sicher kommt.

Dabei hätte die Menschheit erstmals die Chance, auf eine Katastrophe rechtzeitig zu reagieren. Die biblischen Plagen, die Pestzüge des Mittelalters, das Aids-Virus und der jüngste Tsunami haben Homo sapiens kalt erwischt. Jetzt können Virologen dank moderner Technologien in Echtzeit zusehen, wie sich ein Killervirus für den globalen Seuchenzug fit macht.

Zum ersten Mal sichteten sie den Übeltäter vor acht Jahren. Da starben in Hongkong sechs Menschen nach Kontakt mit infiziertem Geflügel. Als Ursache wurde das neue Influenzavirus "H5N1" identifiziert. Zu jener Zeit war H5N1 noch ein reinrassiges Vogelgrippevirus: Es nistete in Wasser- und Zugvögeln und reiste mit ihnen Tausende Kilometer, seine Transporteure ließ es am Leben. Die Infektion von Hühnern war eher ein Versehen, die Weiterverbreitung auf den Menschen eine Rarität. Durch die Keulung des gesamten Geflügelbestandes von 1,5 Millionen Tieren konnten die Behörden in Hongkong das Strohfeuer austreten.

Von 97 an der Vogelgrippe erkrankten Menschen starben 53

Doch H5N1 trainierte im Stillen weiter. Irgendwann im Jahre 2002 lernte das Virus, sich im großen Stil zu verbreiten: Zehn asiatische Länder meldeten mehr oder minder große Ausbrüche. Betroffen waren nun auch Katzen, Schweine und Tiger. Zugleich wurde das Virus immer aggressiver. Es tötete nun sogar Zug- und Wasservögel, die natürlichen Wirte der Grippeviren. Seit Ende 2003 infiziert es auch Menschen häufiger, von 97 registrierten Fällen endeten 53 tödlich.

Schmelztiegel der Epidemie scheint das nördliche Vietnam zu sein. Dort beobachten Ärzte seit Beginn dieses Jahres etwas Unheimliches: Immer mehr Menschen erkranken an H5N1, obwohl sie keinen Kontakt zu Geflügel hatten – das könnte bedeuten, dass der Killer begonnen hat, sich auch von Mensch zu Mensch zu verbreiten. Die Behörden in Vietnam waren so alarmiert, dass sie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) um Untersuchung der mysteriösen Fälle baten. Ein WHO-Team analysierte die Lage – und trommelte sofort eine Notkonferenz zusammen. Anfang Mai brüteten in Manila Influenza-Experten aus aller Welt über der bangen Frage: Hat die weltweite Grippe-Pandemie bereits begonnen?

Für den schlimmen Verdacht gibt es eine Reihe von Indizien. In Nordvietnam treten seit Anfang des Jahres H5N1-Infektionen gehäuft innerhalb einzelner Haushalte auf. In diesen Clustern hatte jeweils nur der erste Fall Kontakt mit Geflügel, die danach erkrankten Familienmitglieder müssen sich auf anderem Wege infiziert haben. Und: In diesen Clustern verläuft die Grippe seltener tödlich; in Nordvietnam starben seit Anfang des Jahres "nur" 34 Prozent der Infizierten, davor lag die Todesquote wie in anderen Regionen bei 80 Prozent. Eine solche Abnahme der Letalität ist typisch und zugleich beunruhigend. Sie ist immer dann zu beobachten, wenn sich Viren an einen neuen Wirt anpassen – sie lassen ihn noch eine Weile leben, damit er möglichst viele ansteckt.