Pop spiegelt nicht die Welt, er steht im Wettrennen mit der Welt an sich. 1965 schien die Popmusik "diesen Wettlauf zu gewinnen", schreibt der amerikanische Kulturseismograf Greil Marcus, in dem Jahr, da Bob Dylan den "besten Song aller Zeiten" aufnahm, wie die Zeitschrift Rolling Stone 2005 per Kritikerbefragung befand: Like A Rolling Stone , den kaum ein heute 20-Jähriger gehört hat, den keiner nachsingen kann, sieht man vom mitzubrüllenden Refrain ab. Warum nicht (I Can’t Get No) Satisfaction, warum nicht Smells Like Teen Spirit von Nirvana, Imagine von John Lennon? Wie ein Relikt aus jenen Tagen, da die Hitparade noch geholfen hatte, wenn man übers Niveau streiten wollte, als man sich über Songs ärgern konnte, weil sie die Tonbänder oder Kassetten verstopften, und keine Erase-Taste den Irrtum verschwinden ließ, wirken inzwischen diese Listen der 500 besten Songs, 100 bedeutendsten Alben, 50 wichtigsten Jahre. Ein Spiel für die Koalition der Überlebenden, im Kanon zu singen.

Bob Dylan wurde zur Jukebox der Protestbewegung: Wähl deinen Song!

Für Greil Marcus, von vielen als die alternative Voice Of America gelesen, war die Wahl zum Jahrhundert-Lied eher ein zusätzlicher Aufkleber für sein Buch über diesen Song. Musikhistorisch korrekt klang dieser Titel allemal: Hatten sich die Rolling Stones in ihrer Namensfindung vom Rollin’ Stone des Bluessängers Muddy Waters inspirieren lassen, Bob Dylan wiederum " I’m a rolling stone…" von Hank Williams’ Lost Highway im Film Don’t Look Back vor sich hin gesungen und sich die Zeitschrift Rolling Stone 1968 nach dieser ganzen Melange benannt hatte, so nimmt es nicht wunder, allein im Titel Like A Rolling Stone den signifikanten Gipfel der Rockmusik zu sehen. Musikalisch verbarg sich für die Band, die da am 16. Juni 1965 im Studio in New York stand, nichts Visionäres: "He, Moment mal, Leute: die vier Takte vor C, es moll mit Quartvorhalt, es-moll 7, dann ein Takt As mit Vorhalt und dann As … okay? So sollte es klingen!", gibt der junge, kurzfristig von Bob Dylan angeheuerte Bluesgitarrist Mike Bloomfield die Stimmung vor, und im vierten Versuch am zweiten Tag klappt es – 6,34 Minuten pure Energie sind auf Band. "Ich finde, das hört sich gut an", sagte der schwarze Produzent Tom Wilson.

Dass es mehr war, zeigt diese Biographie eines Songs, in der Greil Marcus weitgehend auf jene poetischen Dunkelstellen verzichtet, die seine früheren Exegesen oft zum Kunstwerk stilisieren sollten. Es ist jener berühmte qualitative Sprung, für den Like A Rolling Stone steht, die Beschreibung jener Schwelle, die der "gehaltvolle" Folk- und Protestsong überschreitet, um zur "kruden" Rockmusik zu werden, die Stelle, an der ein Sänger sein eigenes Image bekämpft, der Sound zum Inhalt wird und eine Generation mit ihrem möglichen Scheitern konfrontiert wird. Greil Marcus erzählt vom Widerstand der Plattenfirma Columbia, in deren beschränktem Drei-Minuten-Hit-Paraden-Horizont ein Sechs-Minuten-Song keinen Platz hatte, die das Lied anfangs nur kastriert auf Single pressen ließ. Er beschwört die immerwährende Vision Bob Dylans, mit einer zusammengewürfelten Studioband den Stein der Weisen zu finden. Und er beschreibt die Müdigkeit des 25-jährigen Propheten seinen eigenen Botschaften gegenüber.

1962 war er auf der Folkszene erschienen und hatte als quengelnder Prinz zur Linken der reinen Joan Baez den Thron des Protestbewegung erstiegen. Doch schon zwei Jahre später konnte er die eigenen Hymnen nicht mehr ertragen, Blowin’ In The Wind , The Times They Are A-Changin’ , With God On Our Side , Masters Of War – er empfand sich als Jukebox der Protestbewegung, wählen und drücken Sie Ihren Erlösungssong! "Ich hatte aufgehört", sagte er dunkel in den Interviews jener Zeit, sprach von 20 Manuskriptseiten, die den Anfang des Schriftstellers Dylan markieren sollten, bis die Prosa rhythmischer wurde, zum Rap geriet, der immer in den gleichen boshaften Zeilen auslief: " How does it feel? / To be on your own / With no direction home / A complete unknown / Like a rolling stone." Der öffentliche Protest wird wieder privat, Bob Dylan spricht von sich und damit von allen. Nur schlichte Gemüter – wie die Rolling Stones in ihrem Video zur Neuauflage 1995 – empfanden dieses Lied als bloße Wettervorhersage für ein Partygirl, dem der Sänger Dauerregen wünscht.

Keiner kann sagen, er habe nichts von jenem anderen Leben gewusst

Mit einem Knall des Schlagzeugs beginnt dieser Song, und es scheint, als dauere der Nachhall volle sechs Minuten, als dienten diese Gitarrenlicks, Orgeldehnungen und Klavierpunktationen dazu, das Chaos aufrechtzuerhalten, der schneidenden Stimme den Grund zu liefern. Kein Atemholen, sechs Minuten Elektrizität. Danach ist der Song wieder In the Air wie Greil Marcus ein Kapitel seines Buch nennt. Like A Rolling Stone ist eines jener großen Lieder, in denen man therapeutisch die künftige Einsamkeit besingen kann, um das kommende Unglück zu verkraften. "When you ain’t got nothin’ / You got / Nothing to lose" heißt es im besten Janis-Joplin-Stil, doch es ist der aggressive Klang der Stimme, der jedes Jammern erstickt. Man sage nicht, man sei nicht gewarnt worden, aber nach diesem Song darf auch keiner behaupten, er hätte nicht gewusst, dass es ein anderes Leben gebe. In diesem Lied stecken Verheißung und Warnung zugleich. Mehr ist kaum möglich.

Der Mythensucher Greil Marcus, 1945 geboren, der im kurzen Augenblick des Popsongs stets die ganze Welt aufleuchten sieht, hat sich diesmal hermeneutisch bescheiden mit dem einen und einzigen Song begnügt, reichert ihn aber mit allem popenzyklopädisch Wissenswerten an. Vieles mag dem Kenner bekannt und dem Novizen abwegig erscheinen, doch selbst in diesem Nebenwerk seiner Suche nach dem Heiligen Gral, der ihm die amerikanische Seele enthüllt, bleibt Greil Marcus groß in der Liebe zur Vergangenheit und dem Bemühen, die Hoffnung nicht zu verraten. Like A Rolling Stone sollte die Welt nicht verändern. Doch der Song wollte "die Welt nicht ganz so hinterlassen, wie sie vorher gewesen war". Und das ist gewaltig – für sechs Minuten.