Die Politik verspricht einen Wahlkampf wie nie – kurz, heftig, zugespitzt. In grundsätzlicher Frontstellung inszenieren sich ihre Spitzen: Um eine Richtungswahl sondergleichen gehe es, ja sogar als Vertreter alternativer Gesellschaftsmodelle trete man vor die Wähler (Joschka Fischer). Für Medien aller Art ist dies ein gefundenes Fressen. Zunächst kämpfen sie sich durch ein Gestrüpp von Einzelheiten: Mehrwertsteuer, Eigenheimzulage, ob die Gesundheits- zur Steuerreform passt. Doch schon sortieren sich die Medien auch entlang der politischen Lagergrenzen.

Aber ihre Blicke überkreuzen sich. Wer Rot-Grün zugeneigt war, vom Wechsel 1998 endlich die Erlösung von lähmendem Stillstand erhofft hatte, dann mitfieberte, -forderte und -litt, blickt zurück. Nach vorn schaut, wer einen Wechsel zu Schwarz-Gelb sympathisch findet oder zumindest für notwendig hält. Focus interviewt Angela Merkel, während der Spiegel noch mit Franz Müntefering aufwartet. Zu Rot-Grün hat er mit Autoren um Cordt Schnibben eine erste Bilanz vorgelegt, während Focus- Chefredakteur Helmut Markwort zum Procedere als Erster ein Stichwort in den Ring wirft, das bis dato selbst CDU-Generalsekretär Volker Kauder noch nicht eingefallen war: Rücktritt! Die taz ("Fischer ist Geschichte", und ironisch zum Foto-Triptychon mit Bütikofer, Roth und Fischer: "Die fetten Jahre sind vorbei") publiziert eine "Abschiedsserie", der Tagesspiegel ("Marsch aus den Institutionen") und einige andere reflektieren und verabschieden ein "Generationenprojekt". Verschwunden ist das Wort von der "neuen Mitte".

Alle suchen einen Begriff für die letzten sieben Jahre, die eher als unvollendet gebliebene Episode denn als Epoche empfunden werden. Rot-Grün-Bashing ist deswegen in Mode. Wie stets mit besonders meinungsstarker Stimme ruft im stern Hans-Ulrich Jörges den Grünen nach, wie "vollkommen moralisch degeneriert" dieses "Karriere-Kartell der Schönfärber, der Heuchler, der Opportunisten" sei. Bei so viel Zorn darf etwas enttäuschte Liebe angenommen werden; in diesem Fall führt sie zu einem Positionswechsel. In der Süddeutschen tröstet Joschka Fischer: "Es gibt keinen Grund, sich für Rot-Grün zu schämen", während die Welt am Sonntag Frau Merkel drohend rät, "der Verlockung des Lauen" zu widerstehen. Der stern sieht für die Deutschen gar endlich die "Chance zu demokratischer Selbstbefreiung". Irgendwie entkommen wir gerade einem großen Schrecken.

Medien, die Stimmungsdemokratie beklagen, tragen nicht selten zu ihr bei. Was Kanzlerin Merkel denn besser machen werde, fragt der Focus und zeigt so neben Sympathie auch ein Dilemma: Für das Neue gibt es noch keine Überschrift. Es kündigt sich an wie ein besserer Handwerkertrupp, der den begonnenen Rohbau nun umzimmern darf. Es fehlt jede Botschaft. So ist auch die Stimmung: Sollen es doch die andern mal versuchen. Hoffnung, gar ein großes gesellschaftliches Ringen um Freiheit und soziale Gerechtigkeit verbinden sich damit nicht.

Aber es gehört zum Design des Wahlkampfs. Design, Demoskopie – und Duelle. Darauf setzt vor allem das Fernsehen. Mindestens zwei werden kommen. Das Regelwerk soll lockerer werden, als Befrager stehen schon jetzt Peter Kloeppel (RTL), Thomas Kausch (Sat.1) und Maybrit Illner (ZDF) fest. Bei der ARD, die ihre Politikmagazine gerade zu Häppchen zusammenstreicht, ist es Thomas Roth, dem ARD-Hauptstadtstudioleiter, wieder nicht gelungen, Sabine Christiansen zu verdrängen. Dabei könnten Heide Simonis und Peer Steinbrück nach Berlin berichten, dass gerade die TV-Duelle neuerdings eine paradoxe Wirkung zeigen: Herausforderer müssen nur noch mithalten können, dann dürfen sie ran.

Sabine Christiansens fragwürdige Monopolstellung wird aber ohnehin angegriffen. Im Laufe des Wahlkampfes wird es auch die kommerzielle Konkurrenz wieder mit Polit-Talks versuchen. Und in ARD und ZDF beginnt schon das Gerangel, wer zur Wahl welchen Porträtfilm machen darf. Ob mit Rilke-Gedichten oder langen Strandspaziergängen – das Massenmedium Fernsehen wird bemüht sein, seinem Publikum die Politiker menschlich nahe zu bringen.

Angela Merkel kann gut mit Friede Springer. Wird ihr das helfen?

Die letzten sieben Jahre haben solche Intimisierung der Politik forciert. Insbesondere die umsatzstarke "rote Gruppe" des Axel-Springer-Verlags, also Bild und Bild am Sonntag, hat daran großen Anteil. Über seine Gattin, die frühere Journalistin Doris Schröder-Köpf, und den Regierungssprecher Béla Anda pflegt auch der Kanzler gute Beziehungen. Via Bild und BamS hat er sich als Person öffentlich vervollständigt, wurde fast zeitgleich Sohn, der das Grab seines Vaters entdeckte, und Vater, der mit adoptierter Tochter sein Familienglück rundete. Kitschige Hundegeschichten kamen hinzu. Dennoch blieb die politische Neutralität, zu der sich Bild 1998 am Ende der Ära Kohl durchgerungen hatte, eine historische Ausnahme. Der Verlag festigte sich wieder, die Verwertungsketten klirrten, politische Kampagnen gegen Rot-Grün zielten zunächst vor allem auf Grün, auf Trittin und Fischer. Nie stand über Angela Merkel in Bild, was ein ehemaliger Chefredakteur einst halblaut von ihr dachte: Sie wirke wie "Meck-Pomm im Dunkeln". Jetzt ist auch die Parteinahme wieder klar. Fraglich bleibt lediglich, ob der neue Springer-Chef Mathias Döpfner für Angela Merkel sein wird, was Kirch für Kohl einst war. Noch fehlt dem Axel-Springer-Verlag dazu Stärke auf dem Fernsehmarkt.