Kirchentag 1983 in Hannover, das evangelische Kloster Amelungsborn lädt ein. Kaum einer kommt. Kirchentag 2005, selbe Stadt, selbes Kloster, selbe Einladung. Es gibt viel mehr Anmeldungen als Plätze. Der Bus mit Kirchentagsbesuchern, jubiliert die Pressestelle, platzte buchstäblich aus allen Nähten.

1,2 Millionen Menschen, sagen die Veranstalter, besuchten das Glaubensfest, über 100 000 sangen und beteten beim Schlussgottesdienst. Nicht nur eine Pilgerfahrt nach Rom, zentriert auf einen Einzelnen, kann die religiösen Massen anziehen, sondern auch ein in 3000 Veranstaltungen atomisiertes Großereignis. Dem Purpur der Kardinäle folgte das Blau der Kirchentagsschals.

Die Protestanten überlassen die Darstellungsmacht der Religion nicht den Katholiken.

Der Kirchentag war spiritueller als seine Vorgänger. Die Teilnehmer strömten nicht nur ins Kloster - bei der Nacht der Lichter mit Gebet und Gesang war kein Platz mehr frei, derweil Sandra Maischberger vor vielen leeren Sitzen talkte. Die Bibel-Auslegung jeden Morgen war gut besucht, die Halle der Spiritualität voll, und selbst Joschka Fischer sprach am Ende einer außenpolitischen Grundsatzrede übers Beten.

Der Kirchentag bediente das Bedürfnis vieler Menschen nach Transzendenz. Sie sehnen sich nach dem großen Ritual, sie wünschen sich, als Christen nicht vereinzelt zu sein, sie streben nicht mehr nur nach Sinn, sondern nach Sinnlichkeit. Der real existierende Protestantismus, wie die Hannoveraner Bischöfin Margot Käßmann formulierte, ist gefühliger geworden. Deshalb wirkte der Kirchentag nicht wie das Amtskirchenfest (das er ja ist), sondern wie die Feierstunde für ein Comeback des Glaubens, an dem weite Teile der Bevölkerung offenkundig interessiert sind. Kamen früher überwiegend junge Erwachsene, waren nun alle Altersgruppen gleichmäßig vertreten. Wir sind älter geworden, hieß es. Erwachsener sicher auch. Der Kirchentag war nicht nur ein Woodstock ohne Schlamm, mit Konzerten und Kletterwand, sondern ein ernsthaftes Forum der Spiritualität.

Das Motto Wenn dein Kind dich morgen fragt traf die Stimmung. Zwar applaudierten die Besucher besonders laut, wenn Kirchentags-Granden die Globalisierung kritisierten. Viel konkreter jedoch wirkte die Debatte um Generationengerechtigkeit und Demografie. Viele Gespräche auch junger Teilnehmer kreisten um Kinder und Kinderwünsche. Der Kirchentag wurde für sie zum Ort der Auseinandersetzung.

Solche Erlebnisse trösteten über manches hinweg: Über Moses Waschstraße etwa, einen albernen Parcours, durch den die Besucher mit Tretautos fuhren.